
Rheinland-Pfalz vor der Wahl: SPD verliert massiv â und darf trotzdem weiterregieren
Am kommenden Sonntag wird in Rheinland-Pfalz ein neuer Landtag gewĂ€hlt, und die letzten Umfragen zeichnen ein Bild, das gleichermaĂen erwartbar wie ernĂŒchternd ist. Die CDU liegt knapp vorn, die SPD stĂŒrzt ab â und dennoch wird sich an der politischen Grundkonstellation vermutlich wenig Ă€ndern. Willkommen in der deutschen Demokratie des Jahres 2026, wo der WĂ€hler zwar abstimmen darf, das Ergebnis aber lĂ€ngst festzustehen scheint.
CDU vor SPD â doch was bedeutet das wirklich?
Drei renommierte Meinungsforschungsinstitute â Forschungsgruppe Wahlen, Insa und Infratest dimap â haben ihre finalen Erhebungen vorgelegt, und die Ergebnisse gleichen sich wie ein Ei dem anderen. Die CDU unter Spitzenkandidat Gordon Schnieder, dem Bruder von Bundesverkehrsminister Patrick Schnieder, kommt auf 28 bis 29 Prozent. Das wĂ€re eine leichte Verbesserung gegenĂŒber den 27,7 Prozent von 2021. Kein triumphaler Durchmarsch, eher ein zaghaftes Vorbeischleichen an der Konkurrenz.
Die SPD, die Rheinland-Pfalz seit sage und schreibe 35 Jahren regiert, muss sich auf einen historischen Einbruch gefasst machen. Von einst 35,7 Prozent im Jahr 2021 sacken die Sozialdemokraten auf 27 bis 28 Prozent ab. Das sind Verluste von acht bis neun Prozentpunkten â ein Erdrutsch, der in jedem anderen politischen System Konsequenzen hĂ€tte. MinisterprĂ€sident Alexander Schweitzer dĂŒrfte sein Amt verlieren. Doch verliert die SPD damit wirklich die Macht?
Die Brandmauer als Lebensversicherung der SPD
Hier wird es absurd. Trotz massiver Verluste wird die SPD aller Voraussicht nach in der Regierung bleiben â als Juniorpartner einer GroĂen Koalition mit der CDU. Der Grund ist so simpel wie bezeichnend fĂŒr den Zustand der deutschen Politik: Die sogenannte Brandmauer. Weil die CDU unter Friedrich Merz kategorisch ausschlieĂt, mit der AfD zu koalieren, bleibt ihr als einzige realistische Option das BĂŒndnis mit genau jener SPD, die der WĂ€hler eigentlich abstrafen wollte.
Man muss sich das auf der Zunge zergehen lassen. Der BĂŒrger geht zur Wahlurne, entzieht der SPD in Scharen sein Vertrauen, und am Ende sitzt dieselbe Partei wieder mit am Kabinettstisch. Demokratie im besten Deutschland aller Zeiten.
AfD vor historischem Rekord im Westen
Die eigentliche Sensation dieser Wahl spielt sich derweil bei der AfD ab. Mit prognostizierten 19 bis 20 Prozent steht die Partei vor zweistelligen Zugewinnen â 2021 hatte sie lediglich 8,3 Prozent erreicht. Sollte sie die 18,8 Prozent ĂŒbertreffen, die der Landesverband Baden-WĂŒrttemberg erst vor zwölf Tagen erzielte, wĂ€re das das beste Landtagswahlergebnis der AfD in einem westdeutschen Bundesland ĂŒberhaupt. Ein Signal, das die etablierten Parteien eigentlich zum Nachdenken bringen mĂŒsste â wenn sie denn zum Nachdenken bereit wĂ€ren.
Stattdessen wird man in den Berliner Parteizentralen vermutlich wieder die ĂŒblichen Beschwörungsformeln aufsagen: Man mĂŒsse die âSorgen der BĂŒrger ernst nehmen", gleichzeitig aber âklare Kante gegen rechts" zeigen. Dass genau diese Haltung die AfD erst so stark gemacht hat, scheint in den Chefetagen der Volksparteien noch immer nicht angekommen zu sein.
FDP vor dem Aus â GrĂŒne im Sinkflug
Besonders bitter wird der Wahlabend fĂŒr die FDP. Die Liberalen, die derzeit noch als Koalitionspartner mitregieren, werden von allen drei Instituten nur noch unter âSonstige" gefĂŒhrt. Ein Wiedereinzug in den Landtag gilt als nahezu ausgeschlossen. 2021 hatten sie es mit 5,5 Prozent noch knapp geschafft. Nun droht das parlamentarische Nichts. Die FDP, einst stolze Partei des wirtschaftsliberalen BĂŒrgertums, ist fĂŒr die Mehrheit der Deutschen schlicht verzichtbar geworden â ein Schicksal, das sie sich durch jahrelange Profillosigkeit und opportunistisches Lavieren redlich verdient hat.
Auch die GrĂŒnen verlieren, wenngleich moderat. Mit 8,0 bis 9,0 Prozent liegen sie leicht unter ihrem Ergebnis von 2021 (9,3 Prozent). In Zeiten, in denen die Energiepreise die BĂŒrger belasten und die grĂŒne Transformationsagenda zunehmend auf Widerstand stöĂt, ist selbst dieser moderate RĂŒckgang bemerkenswert gering. Offenbar hĂ€lt das urbane Milieu seiner Lieblingspartei noch die Treue.
Zitterpartie fĂŒr Freie WĂ€hler und Linke
Spannend wird es an der FĂŒnf-Prozent-HĂŒrde. Die Freien WĂ€hler, die derzeit noch im Landtag sitzen, kommen auf 4,5 bis 5,0 Prozent â ein Absturz gegenĂŒber den 5,4 Prozent von 2021. Ob es reicht, steht in den Sternen. Die Linke hingegen, die 2021 mit 2,5 Prozent krachend gescheitert war, wird nun von allen Instituten bei 5,0 Prozent gesehen. Ein Einzug wĂ€re eine kleine Sensation und wĂŒrde die ohnehin komplizierte Koalitionsarithmetik weiter verkomplizieren.
Was diese Wahl ĂŒber den Zustand Deutschlands verrĂ€t
Die Landtagswahl in Rheinland-Pfalz ist weit mehr als ein regionales Ereignis. Sie ist ein Seismograph fĂŒr die tektonischen Verschiebungen in der deutschen Parteienlandschaft. Die Volksparteien erodieren, die AfD wĂ€chst, die Liberalen verschwinden, und am Ende regieren dieselben KrĂ€fte weiter, die der WĂ€hler eigentlich abwĂ€hlen wollte. Das politische Kartell funktioniert â zumindest fĂŒr diejenigen, die davon profitieren.
Dass die CDU unter Gordon Schnieder im Wahlkampf selbst das Thema MesserkriminalitĂ€t als âzugewanderte KriminalitĂ€t" benannte, zeigt immerhin, dass die Christdemokraten begriffen haben, welche Themen die Menschen tatsĂ€chlich bewegen. Ob dieser rhetorischen SchĂ€rfe auch Taten folgen werden, steht freilich auf einem ganz anderen Blatt. Die Erfahrung mit der GroĂen Koalition auf Bundesebene unter Friedrich Merz und der SPD lehrt: GroĂe Worte im Wahlkampf, kleine Schritte im Regierungsalltag.
Am Sonntagabend werden wir wissen, ob die Umfragen recht behalten. Eines aber steht schon jetzt fest: Egal wie der WĂ€hler entscheidet â die SPD wird weiterregieren. Man könnte fast meinen, Kurt Tucholsky hĂ€tte recht gehabt.










