
Nach dem CDU-Debakel: Rhein rechnet mit der Brandmauer ab

Zwei Tage nach dem Wahldesaster in Sachsen-Anhalt bricht in der CDU ein offener Richtungsstreit los. Hessens MinisterprĂ€sident Boris Rhein, gleichzeitig CDU-Landesvorsitzender, nennt die Brandmauer-Strategie seiner Partei den âfalschesten Weg, den man begehen kannâ. Er Ă€uĂerte sich auf der Plattform X und im GesprĂ€ch mit Welt TV.
âBrĂŒcken bauenâ statt Mauern hochziehen
Rheins Botschaft ist unmissverstĂ€ndlich: Man mĂŒsse âmit allen reden, ĂŒber alles reden, BrĂŒcken in die Mitte bauen, sie nicht hinter Brandmauern stoĂenâ. Zur BekrĂ€ftigung setzte er auf X zwei rote Ausrufezeichen hinter den Satz, dafĂŒr stehe die CDU.
Man dĂŒrfe ânicht zu frĂŒh aufgeben, miteinander zu sprechenâ und mĂŒsse âalles anhörenâ â auch âkomische Meinungenâ. Es könne sogar sein, so Rhein, dass jemand mit einer solchen Meinung an der einen oder anderen Stelle recht habe und man daraus lernen könne. Eine Demokratie lebe schlieĂlich nicht davon, einander aus dem Weg zu gehen.
Auch den Begriff selbst lehnt er ab: Er sei ânicht christdemokratischâ. Damit liegt Rhein formal auf Kanzlerlinie â Friedrich Merz betont seit Jahren, das Wort nicht zu verwenden, hat es in der Vergangenheit aber sehr wohl zustimmend benutzt.
Das Ergebnis, das die Union erschĂŒttert
Der Anlass fĂŒr den plötzlichen Mut ist ein Zahlenwerk, das in der CDU-Geschichte einzigartig ist. Bei der Landtagswahl am 6. September holte die AfD laut vorlĂ€ufigem Ergebnis 43,8 Prozent â ihr bislang bestes Landtagswahlergebnis ĂŒberhaupt und der höchste Wert, den eine einzelne Partei in Sachsen-Anhalt seit der Wende erreicht hat.
Die CDU stĂŒrzte auf 17,2 Prozent ab, ein Minus von rund 20 Punkten gegenĂŒber 2021 und ein historisches Tief. Sie gewann Medienberichten zufolge kein einziges Direktmandat. Die Wahlbeteiligung kletterte auf 77,8 Prozent â die BĂŒrger waren also nicht gleichgĂŒltig, sondern hellwach.
- AfD: 43,8 Prozent (39 Sitze)
- CDU: 17,2 Prozent (15 Sitze)
- SPD: 9,3, GrĂŒne: 8,9, Linke: 8,6, BSW: 5,3 Prozent
- FDP: 2,6 Prozent â raus aus dem Landtag
Koalition? Nein. GesprÀche? Ja bitte.
Eine Zusammenarbeit auf Regierungsebene schlieĂt Rhein trotzdem aus. Als GrĂŒnde nennt er inhaltliche Differenzen bei Russland und Europa; man habe âkeine Lust, mit denen zu koalierenâ. Dialog brauche es aber gerade dort, wo die Meinungen weit auseinanderlĂ€gen. Der AfD-Landesverband wird vom Verfassungsschutz Sachsen-Anhalt als âgesichert rechtsextremistischâ eingestuft.
Bemerkenswert ist Rheins zweite Attacke â diese richtet sich gegen Berlin. Die Reformpolitik der Bundesregierung werde von den Menschen âals Bedrohungâ empfunden, sie hĂ€tten AbstiegsĂ€ngste. Man dĂŒrfe nicht âeine Reform nach der anderenâ auftĂŒrmen, sondern solle ĂŒberlegen, âdas Tempo rauszunehmenâ. Die Richtung will er nicht Ă€ndern.
Aus Sicht unserer Redaktion
Das Problem der Union dĂŒrfte weniger das Vokabular sein als die Bilanz. Wer im Wahlkampf Kurskorrektur bei Migration, Energiepreisen und BĂŒrokratie verspricht und im Amt Sondervermögen in dreistelliger Milliardenhöhe verwaltet, muss sich ĂŒber Vertrauensverluste nicht wundern.
Kritiker in den Kommentarspalten spitzen es zu: Erst ausgrenzen, dann versöhnen â und das erst, wenn die Umfragen brennen. FĂŒr viele BĂŒrger ist das der eigentliche Skandal. Der nĂ€chste Test kommt schnell: Am 20. September wĂ€hlen Mecklenburg-Vorpommern und Berlin.










