
Eklat in Erfurt: Geheime Wahl zerlegt die SPD-Fraktion

Im Erfurter Stadtrat ist am Mittwochabend der SPD-Politiker Philippe Wolff zum neuen Baudezernenten gewĂ€hlt worden â gegen den Amtsinhaber Matthias BĂ€rwolff von der Linkspartei. Nominiert hatte Wolff der CDU-OberbĂŒrgermeister Andreas Horn. Wenige Minuten spĂ€ter zerbrach die Fraktion, der Wolffs eigene Partei angehört.
Die Stadt Erfurt nennt ein klares Ergebnis: 29 Ja-Stimmen fĂŒr Wolff, 21 fĂŒr BĂ€rwolff. Eigentlich hĂ€tte es anders laufen sollen. Ein BĂŒndnis aus SPD, Linken, GrĂŒnen, Piraten und der WĂ€hlerinitiative Mehrwertstadt hatte sich nach monatelangem Ringen auf den bisherigen Dezernenten verstĂ€ndigt â rechnerisch mit 28 Stimmen eine komfortable Mehrheit.
Zehn ungĂŒltige Stimmen â und dann zehn mehr fĂŒr Wolff
Doch im ersten Wahlgang kam BĂ€rwolff nur auf 21 Stimmen, Wolff bereits auf 19. Zehn Stimmzettel waren ungĂŒltig â genau die StĂ€rke der AfD-Fraktion. Im zweiten Wahlgang sprang Wolff auf 29 Stimmen, BĂ€rwolff blieb bei 21.
Die Wahl war geheim, Beweise gibt es also nicht. Medienberichten zufolge liegt aber der Schluss nahe, dass die zehn zusĂ€tzlichen Stimmen aus der AfD-Fraktion kamen â und dass zusĂ€tzlich mehrere StadtrĂ€te aus dem eigenen Lager BĂ€rwolff die Gefolgschaft verweigerten. CDU und AfD verfĂŒgen zusammen ĂŒber lediglich 22 Mandate.
BlumenstrauĂ-Rangelei und Fraktions-Sprengung
Was danach passierte, klingt wie politisches Kabarett. Berichten der ThĂŒringer Allgemeinen zufolge eilte SPD-Fraktionschef Stefan Schade mit einem BlumenstrauĂ zum Sieger und drĂ€ngte dabei AfD-Fraktionschef Sascha Schlösser beiseite, der ebenfalls gratulieren wollte.
Noch am Abend kĂŒndigten mehrere SPD-StadtrĂ€te ihren Austritt aus der gemeinsamen Fraktion mit den Piraten an, um eine eigene SPD-Fraktion zu bilden. Sie könnten die Wahl nicht mittragen, hieĂ es; kritisiert wurde Wolff vor allem dafĂŒr, dass er das Amt trotz möglicher AfD-UnterstĂŒtzung ĂŒberhaupt angenommen habe. Im Sitzungssaal fiel laut dem Bericht das Stichwort âKemmerich 2.0â.
Warum der Vergleich mit 2020 hinkt
Der Vergleich zielt auf den Februar 2020: Damals wurde der FDP-Politiker Thomas Kemmerich im dritten Wahlgang mit AfD-Stimmen zum ThĂŒringer MinisterprĂ€sidenten gewĂ€hlt. Die damalige Bundeskanzlerin Angela Merkel nannte den Vorgang âunverzeihlichâ, Kemmerich trat schon am nĂ€chsten Tag zurĂŒck. Union und FDP zogen die Abgrenzungslinien anschlieĂend dicker.
Nur: In Erfurt ging es nicht um ein MinisterprĂ€sidentenamt, sondern um ein Baudezernat â und der Gewinner ist Sozialdemokrat. Aus Sicht unserer Redaktion zeigt der Fall vor allem, wie brĂŒchig ein Politikstil geworden ist, der Mehrheiten in Hinterzimmern verabredet und dann auf Fraktionsdisziplin hofft. Sieben Abweichler in den eigenen Reihen sind keine Intrige der Konkurrenz, sondern ein Misstrauensvotum von innen.
Vorausgegangen war ein zĂ€her Streit um Bau- und Sozialdezernat. Die CDU lehnte BĂ€rwolff ab, der seit 2021 im Amt ist und in der Stadt unter anderem fĂŒr seine Verkehrspolitik kritisiert wurde. Die ebenfalls geplante Wahl einer Sozialdezernentin brachte am Mittwoch kein Ergebnis â das Dezernat bleibt vorerst ohne Spitze.
Bleibt die unbequeme Frage, die in Erfurt niemand laut stellen wollte: Wenn eine geheime Wahl plötzlich als Skandal gilt, sobald das Ergebnis nicht dem verabredeten Drehbuch folgt â was sagt das ĂŒber das DemokratieverstĂ€ndnis der Beteiligten?










