
Spahn feiert sich selbst und beschimpft die Opposition als VaterlandsverrÀter
Es gibt Momente in der deutschen Politik, die so grotesk anmuten, dass man sich unwillkĂŒrlich fragt, ob man versehentlich in eine Satiresendung geraten ist. Der CDU-Bundesparteitag am vergangenen Samstag lieferte einen solchen Moment â und zwar in Person von Jens Spahn, dem Vorsitzenden der CDU-Bundestagsfraktion. Der Mann, der wĂ€hrend der Corona-Pandemie als Gesundheitsminister durch fragwĂŒrdige Maskendeals und eine desaströse Krisenkommunikation von sich reden machte, schwang sich nun zum moralischen Richter ĂŒber die Opposition auf.
âGermany is back" â aber wohin eigentlich?
Mit dem markigen Ausruf âGermany is back" versuchte Spahn, die bisherige Regierungsarbeit der GroĂen Koalition unter Friedrich Merz in ein strahlendes Licht zu rĂŒcken. Deutschland vertrete wieder seine eigenen Interessen, so die Botschaft. Merz sei nahezu der einzige europĂ€ische Politiker, der âauf Augenhöhe" mit dem amerikanischen PrĂ€sidenten verhandeln könne. Eine steile These, wenn man bedenkt, dass Donald Trump mit seinen 20-Prozent-Zöllen auf EU-Importe die europĂ€ische Wirtschaft gerade systematisch unter Druck setzt â und von einer echten Gegenwehr aus Berlin bislang wenig zu spĂŒren war.
Man fragt sich unweigerlich: Wohin genau ist Deutschland denn âzurĂŒck"? ZurĂŒck in die wirtschaftliche Stagnation? ZurĂŒck in die AbhĂ€ngigkeit von politischen GroĂmĂ€chten? Oder zurĂŒck in jene SelbstgefĂ€lligkeit, die bereits unter Angela Merkel zum Markenzeichen der CDU wurde?
Dobrindt als âschwarzer Sheriff" â eine fragwĂŒrdige HeldenerzĂ€hlung
Besonders bemerkenswert war Spahns Lobeshymne auf Innenminister Alexander Dobrindt, den er als den âneuen schwarzen Sheriff" bezeichnete. Die innenpolitische Wende sei eingeleitet, vor allem durch die Aufweichung des Datenschutzes. Die Speicherung von IP-Adressen solle helfen, sexuellen Kindesmissbrauch einzudĂ€mmen. âBisher war der Datenschutz TĂ€terschutz, und genau das beenden wir gerade in der Gesetzgebung", so Spahn wörtlich.
Nun ist der Kampf gegen Kindesmissbrauch zweifellos ein hehres Ziel, dem sich niemand ernsthaft entgegenstellen wĂŒrde. Doch die Frage drĂ€ngt sich auf: Reicht es wirklich, am Datenschutz zu schrauben, wĂ€hrend die explodierende KriminalitĂ€t auf Deutschlands StraĂen â die tĂ€glichen Messerangriffe, die Gewaltexzesse in InnenstĂ€dten â weitgehend unbeantwortet bleibt? Die BĂŒrger dieses Landes erwarten keine kosmetischen Korrekturen, sondern einen echten Kurswechsel in der Sicherheitspolitik. Davon war auf dem Parteitag freilich wenig zu hören.
Das Verbrennerverbot: Aufweichung oder Augenwischerei?
Auch wirtschaftspolitisch wollte Spahn Erfolge vermelden. Die Bundesregierung habe die deutsche Autoindustrie gestĂ€rkt und âTechnologieoffenheit" durchgesetzt. Gemeint war damit die auf EU-Ebene durchgesetzte Korrektur des Verbrennerverbots. Doch bei genauerem Hinsehen entpuppt sich dieser vermeintliche Triumph als das, was er ist: eine graduelle Kosmetik. Statt einer vollstĂ€ndigen Emissionsreduktion auf null mĂŒssen Herstellerflotten ab 2035 lediglich eine COâ-Minderung um 90 Prozent erreichen. FĂŒr die verbleibenden Emissionen ist ein bĂŒrokratisches Kompensationsmodell vorgesehen, das die Industrie mit zusĂ€tzlichen Kosten belastet.
Von einer echten Befreiung der deutschen SchlĂŒsselindustrie kann also keine Rede sein. Es handelt sich bestenfalls um eine Verlangsamung des ideologisch getriebenen Niedergangs â nicht um seine Umkehr.
Der Vaterlandsverrat-Vorwurf: Projektion in Reinform
Den rhetorischen Höhepunkt seiner Rede reservierte Spahn fĂŒr das Finale. Die AfD habe sich âvöllig verirrt zwischen Mao, MAGA und Moskau", donnerte er in den Saal. Insbesondere der baden-wĂŒrttembergische Spitzenkandidat Markus Frohnmaier sei vom Kreml als kontrollierbar eingestuft worden. âDas ist kein Patriotismus, das ist Verrat am Vaterland", so Spahns vernichtendes Urteil.
Nun mag es durchaus berechtigte Fragen zur auĂenpolitischen Positionierung einzelner AfD-Politiker geben. Doch ausgerechnet Jens Spahn â der Mann, dessen Ministerium wĂ€hrend der Pandemie Milliarden an Steuergeldern fĂŒr teils unbrauchbare Masken verpulverte, der Mann, der bis heute keine ĂŒberzeugende Rechenschaft ĂŒber die Verwendung öffentlicher Mittel abgelegt hat â ausgerechnet dieser Politiker wirft anderen âVaterlandsverrat" vor? Das ist Realsatire in ihrer reinsten Form.
Wer im Glashaus sitzt, sollte bekanntlich nicht mit Steinen werfen. Doch in der CDU scheint man diese alte Weisheit lÀngst vergessen zu haben.
Die CDU zwischen SelbstbeweihrÀucherung und RealitÀtsverlust
Was auf diesem Parteitag offenbar wurde, ist symptomatisch fĂŒr den Zustand der einstigen Volkspartei. Statt ehrlich Bilanz zu ziehen ĂŒber neun Monate Regierungsarbeit, statt die drĂ€ngenden Probleme des Landes â die galoppierende Inflation, die marode Infrastruktur, die unkontrollierte Migration, die schwindende innere Sicherheit â beim Namen zu nennen, flĂŒchtet man sich in hohle Phrasen und Feindbildpflege.
Das 500-Milliarden-Euro-Sondervermögen, das die neue Bundesregierung aufgelegt hat, wird kommende Generationen mit Schulden belasten, die durch Steuern und Abgaben finanziert werden mĂŒssen. Friedrich Merz hatte im Wahlkampf versprochen, keine neuen Schulden zu machen. Dieses Versprechen ist lĂ€ngst gebrochen â doch auf dem Parteitag sprach davon niemand. Stattdessen: âGermany is back."
Die Delegierten mögen applaudiert haben. Doch drauĂen, jenseits der Parteitagshallen, wĂ€chst der Unmut. Die BĂŒrger dieses Landes lassen sich nicht mehr mit markigen Anglizismen und moralischen Zeigefingern abspeisen. Sie wollen Ergebnisse. Und die sind â trotz aller Lobeshymnen des Herrn Spahn â bislang mehr als dĂŒrftig.










