Kettner Edelmetalle
06.06.2026
15:16 Uhr

„Lügenkanzler“ statt „Lügenfritz“: Wenn Wahrheit zum Strafbestand wird

„Lügenkanzler“ statt „Lügenfritz“: Wenn Wahrheit zum Strafbestand wird

Es ist ein Vorgang, der die Frage aufwirft, in welchem Land wir eigentlich leben: Ein Bürger nennt den Bundeskanzler „Lügenfritz“ – und kassiert dafür einen rechtskräftigen Strafbefehl. 30 Tagessätze, festgesetzt vom Amtsgericht Öhringen. Was wie eine Posse aus einem schlechten Roman klingt, ist bittere bundesdeutsche Realität anno 2026. Auf dem Landesparteitag der AfD in Heidenheim griff AfD-Chefin Alice Weidel genau diesen Fall auf und legte verbal kräftig nach.

„Weil er ein Lügenkanzler ist“

Weidel ließ es sich nicht nehmen, Friedrich Merz erneut als „Lügenkanzler“ zu titulieren. Ihre Begründung war so schlicht wie schlagkräftig: Merz habe im Wahlkampf alles versprochen und anschließend das genaue Gegenteil getan. Wer die politische Realität der vergangenen Monate nüchtern betrachtet, dem fällt es schwer, ihr in diesem Punkt zu widersprechen.

„Ich habe Friedrich Merz als Lügenkanzler bezeichnet, weil er ein Lügenkanzler ist.“ – Alice Weidel

Man erinnere sich: Da war das eiserne Versprechen, die Schuldenbremse nicht anzutasten. Da war die markige Ansage, es werde keine linke Politik mehr geben. Und dann? Ein 500-Milliarden-Euro-Schuldenpaket, eine im Grundgesetz verankerte Klimaneutralität bis 2045 und eine Stromsteuer-Senkung für Privathaushalte, die schlicht ausblieb. Schon im Juli 2025 hatte Weidel im Bundestag dem Kanzler Wortbruch vorgeworfen. Die Vokabel „Lügenkanzler“ ist seitdem ihr stehender Begriff.

Der Paragraf, der Kritik kriminalisiert

Im Zentrum der Empörung steht der umstrittene Paragraf 188 des Strafgesetzbuches. Diese Vorschrift erlaubt eine verschärfte Bestrafung öffentlich geäußerter Beleidigungen gegen Personen des politischen Lebens. Im Klartext: Politiker genießen einen besonderen Schutzschild, den der gemeine Bürger nicht hat. Wer den Kanzler „Lügenfritz“ nennt, riskiert eine Geldstrafe – während Politiker den Souverän, also das Volk, nach Belieben mit Etiketten versehen dürfen.

Bemerkenswert ist, dass die Forderung nach Abschaffung dieses Paragrafen längst nicht mehr nur von der AfD kommt. Selbst CDU-Generalsekretär Carsten Linnemann sprach sich für eine Streichung aus. Der entsprechende AfD-Gesetzentwurf wurde am 29. Januar 2026 dennoch mit 440 zu 133 Stimmen abgeschmettert. Ein Schelm, wer dabei an Eigeninteresse der politischen Klasse denkt.

Der Störerbus rollt wieder an

Vor dem Tagungsort tauchte ein alter Bekannter auf: der Protestbus jenes Künstlerkollektivs, das sich für ein Verbotsverfahren gegen die AfD starkmacht. Es ist derselbe Bus, der im Sommer 2025 das ARD-Sommerinterview mit Weidel mit lauter Musik vom gegenüberliegenden Spree-Ufer störte – so massiv, dass sich Weidel und der Moderator kaum verstehen konnten.

Man stelle sich die Schlagzeilen vor, würde dieselbe Aktion gegen einen Politiker des linken Spektrums durchgeführt. Doch hier herrscht offenbar zweierlei Maß. Rund 500 Gegendemonstranten versammelten sich – eine Zahl, die angesichts der Umfragewerte der AfD eher bescheiden anmutet.

Selbstbewusste Ansagen für den Osten

Mit Blick auf die kommenden Landtagswahlen gab sich Weidel kämpferisch und versprach, die nächsten Ministerpräsidenten in Sachsen-Anhalt und Mecklenburg-Vorpommern zu stellen. In Baden-Württemberg bestätigte die Partei ihre Doppelspitze: Markus Frohnmaier wurde mit 91,25 Prozent wiedergewählt, Emil Sänze erhielt 74,84 Prozent.

Ein Zustand, der zu denken gibt

Was bleibt, ist ein fader Beigeschmack. In einer Demokratie, die diesen Namen verdient, sollte scharfe Kritik an Regierenden selbstverständlich sein – und nicht vor Gericht enden. Wenn das bloße Aussprechen einer Meinung über einen Politiker strafrechtlich verfolgt wird, läuft etwas grundlegend schief. Dass ein erheblicher Teil der Bevölkerung dieser Republik mittlerweile das Vertrauen in die politische Führung verloren hat, ist keine Randerscheinung, sondern Ausdruck einer tiefen Vertrauenskrise. Es braucht endlich wieder Politiker, die für Deutschland und seine Bürger arbeiten – statt gegen sie.

Hinweis der Redaktion: Die in diesem Beitrag enthaltenen Einschätzungen geben die Meinung unserer Redaktion und die uns vorliegenden Informationen wieder. Wir leisten ausdrücklich keine Rechtsberatung. Für rechtliche Fragen wenden Sie sich bitte an einen qualifizierten Rechtsanwalt.

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