
Brandmauer am Ende? Wiens Kanzler bricht mit dem Berliner Tabu

MĂŒnchen, Montag, Abschluss der zweitĂ€gigen CSU-Vorstandsklausur: Ăsterreichs Bundeskanzler Christian Stocker (ĂVP) erklĂ€rt die deutsche âBrandmauerâ vor laufenden Kameras fĂŒr wirkungslos. Neben ihm steht CSU-Chef Markus Söder â und attestiert AfD-Chefin Alice Weidel âpreuĂische BrutalitĂ€tâ. Zwei SĂ€tze, die den politischen Betrieb in Berlin unangenehm treffen dĂŒrften.
Ein Gast aus Wien sagt, was in Berlin keiner sagen darf
Stocker verwies auf die Erfahrungen seiner ĂVP mit der FPĂ. Sein Bild: Eine Brandmauer helfe nichts mehr, wenn das Feuer zu heiĂ werde â dann mĂŒsse der Brand gelöscht werden. Man solle politische und inhaltliche Unterschiede herausarbeiten, statt sich an einzelnen Personen oder Zitaten festzubeiĂen.
Das ist mehr als eine Stilfrage. Die ĂVP hat mit der FPĂ auf Landes- und Bundesebene mehrfach zusammengearbeitet, nach der Nationalratswahl 2024 verhandelten beide Anfang 2025 sogar ĂŒber eine gemeinsame Bundesregierung. Die GesprĂ€che scheiterten, Stocker koalierte anschlieĂend mit SPĂ und Neos.
Der entscheidende Unterschied zu Deutschland: In Wien wurde geredet â nicht ausgegrenzt.
Söder: Verbotsdebatte wird zum âEigentorâ
Söder wiederum lehnt ein Verbotsverfahren gegen die AfD klar ab â trotz drastischer historischer Vergleiche. In den 1930er-Jahren seien âunsere VorgĂ€ngerâ eingeknickt, sagte er mit Blick auf das ErmĂ€chtigungsgesetz der Nationalsozialisten; er wolle sich nicht nachsagen lassen, nicht bis zuletzt gekĂ€mpft zu haben.
Und dennoch: Ein Verfahren dauere lange, der Erfolg sei fraglich, und die AfD könne dadurch einen âMĂ€rtyrerstatusâ erhalten.
âWir mĂŒssen das Problem schon selbst lösen und wir mĂŒssen es demokratisch lösenâ
Es gehe um eine âhistorische BewĂ€hrungsprobeâ, so Söder. Wenige Tage nach dem AfD-Wahlsieg in Sachsen-Anhalt ein Verbot zu fordern, werde zum âEigentorâ. Auch nach einem Verbot könne sich eine neue Partei grĂŒnden â Ăberzeugungen der AnhĂ€nger und UnterstĂŒtzung aus dem Ausland verschwĂ€nden nicht.
Das Wahlergebnis, das alles verÀndert hat
Der Hintergrund dieser plötzlichen Beweglichkeit ist ein Zahlenwerk, das in der Union Schockwellen ausgelöst hat. Bei der Landtagswahl in Sachsen-Anhalt am 6. September kam die AfD nach vorlĂ€ufigen Zahlen auf rund 43,8 Prozent â ihr bislang bestes Landtagsergebnis. Die CDU von MinisterprĂ€sident Sven Schulze stĂŒrzte auf etwa 17,2 Prozent ab. Medienberichten zufolge streitet die Landes-CDU seither ĂŒber Kurs und FĂŒhrung, wĂ€hrend der Druck auf Kanzler Friedrich Merz wĂ€chst.
Bereits vergangene Woche hatte Söder im Fernsehen eine hĂ€rtere inhaltliche Auseinandersetzung verlangt: Man mĂŒsse âgriffiger, kompakter und klarer werden und nicht jedes Mal Ă€ngstlich schauen und ein Verbot fordernâ. Sein Vergleich: Im FuĂball mĂŒsse man eben mehr in die ZweikĂ€mpfe gehen.
Warum diese Kehrtwende so spÀt kommt
Aus Sicht unserer Redaktion ist das EingestĂ€ndnis ĂŒberfĂ€llig â und doch bemerkenswert unbequem fĂŒr alle, die jahrelang auf Ausgrenzung statt Argumente gesetzt haben. Falsch sei eine Brandmauer, so Söder, wenn man ĂŒber Inhalte gar nicht mehr rede, Positionen âin ein Eckâ verbanne und danach irgendwelche Mehrheiten zusammenbastle.
Bemerkenswert war auch Söders Hinweis auf die Pressefreiheit: Er deutete auf die anwesenden Journalisten und erklĂ€rte, man habe den Auftrag, sie zu schĂŒtzen.
Bleibt die Frage, die sich viele BĂŒrger stellen: HĂ€tte man die Inhalte â Migration, Energiepreise, Steuerlast, BĂŒrokratie â frĂŒher ernst genommen, wĂ€re es zu Ergebnissen wie in Magdeburg dann ĂŒberhaupt gekommen? Die Antwort darauf steht noch aus. Kommentiert wird sie lĂ€ngst an der Wahlurne.










