
Berlin im Stillstand: BVG-Streik legt Hauptstadt lahm â und niemand organisiert einen Notverkehr
Es ist ein Schauspiel, das sich mit ermĂŒdender RegelmĂ€Ăigkeit wiederholt: Die Berliner Verkehrsbetriebe werden bestreikt, Millionen FahrgĂ€ste stehen im Regen â und die Politik schaut zu. Am 27. und 28. Februar 2026 steht der nĂ€chste zweitĂ€gige Warnstreik an. U-Bahnen, StraĂenbahnen, Busse â alles steht still. Wieder einmal. Und wieder einmal gibt es keinen Notverkehr, der wenigstens eine Grundversorgung fĂŒr die BĂŒrger sicherstellen wĂŒrde.
Ein Déjà -vu der besonderen Art
Man reibt sich verwundert die Augen. Vor 18 Jahren, beim legendĂ€ren BVG-Streik 2008, der sich ĂŒber mehr als 30 Tage erstreckte, war man immerhin noch in der Lage, einen rudimentĂ€ren Notverkehr auf die Beine zu stellen. Damals fuhren private Subunternehmer auf wichtigen Linien, es gab einen ausgedĂŒnnten U-Bahn- und StraĂenbahnbetrieb, mehr als 30 Verbindungen wurden aufrechterhalten. Nicht perfekt, gewiss â aber ein Zeichen dafĂŒr, dass man die Belange der BĂŒrger ernst nahm.
Und heute? Nichts dergleichen. Die BegrĂŒndung der Senatsverwaltung unter Verkehrssenatorin Ute Bonde klingt wie eine BankrotterklĂ€rung der Verwaltungskompetenz: Der Vorlauf sei zu kurz, das Personal nicht austauschbar, die Linienkenntnisse fehlten. Man fragt sich unwillkĂŒrlich: WofĂŒr genau wird eigentlich geplant in dieser Stadt, wenn nicht fĂŒr vorhersehbare Ereignisse wie Tarifstreiks?
Italien macht vor, wie es geht
Ein Blick ĂŒber die Alpen genĂŒgt, um zu erkennen, wie grotesk die deutsche Hilflosigkeit anmutet. In Italien â einem Land, das wahrlich nicht fĂŒr seine bĂŒrokratische Effizienz berĂŒhmt ist â regelt das Staatsgesetz 146 von 1990 verbindliche NotfahrplĂ€ne bei Streiks im öffentlichen Nahverkehr. Dort wird das verfassungsmĂ€Ăige Recht auf Bewegungsfreiheit ernst genommen. BerufstĂ€tige können morgens zwischen 6 und 9 Uhr zur Arbeit fahren und abends zwischen 18 und 21 Uhr wieder nach Hause. An Feiertagen wie Weihnachten und Ostern darf gar nicht gestreikt werden.
In Deutschland hingegen scheint das Grundrecht auf MobilitĂ€t weniger zu wiegen als das Recht, eine ganze Metropole nach Belieben lahmzulegen. Der Fahrgastverband IGEB bringt es auf den Punkt: Es mĂŒsse einen Notfallfahrplan geben, der eine Mindestversorgung gewĂ€hrleiste. Eine Forderung, die so selbstverstĂ€ndlich klingt, dass man sich fragt, warum sie ĂŒberhaupt ausgesprochen werden muss.
Die Leidtragenden sind immer dieselben
Es sind nicht die Senatoren und GewerkschaftsfunktionĂ€re, die bei Minusgraden an leeren Haltestellen stehen. Es sind die ganz normalen Berliner â Pendler, SchĂŒler, Senioren, Menschen mit Behinderungen â, die auf den öffentlichen Nahverkehr angewiesen sind und keine Alternative haben. Wer kein Auto besitzt, wer sich kein Taxi leisten kann, der ist schlicht aufgeschmissen. Dass die S-Bahn als Bundesunternehmen vom Streik nicht betroffen ist, tröstet nur bedingt, denn sie deckt bei weitem nicht alle Verbindungen ab.
Politisches Versagen mit System
Was sich in Berlin abspielt, ist symptomatisch fĂŒr den Zustand der deutschen Infrastrukturpolitik insgesamt. Jahrzehntelang wurde der öffentliche Nahverkehr kaputtgespart, Personal abgebaut, Investitionen verschleppt. Und wenn dann die BeschĂ€ftigten â durchaus nachvollziehbar â fĂŒr bessere Arbeitsbedingungen und höhere Löhne kĂ€mpfen, trifft es ausgerechnet jene BĂŒrger, die ohnehin schon unter der maroden Infrastruktur leiden.
Dass die BVG-Sprecherin einrĂ€umt, man könne âfĂŒr die Zukunft" ĂŒber eine Grundversorgung nachdenken, klingt wie blanker Hohn. Wie viele Streiks sollen denn noch kommen, bevor man vom Nachdenken zum Handeln ĂŒbergeht? Der Tarifkonflikt von 2008 liegt fast zwei Jahrzehnte zurĂŒck. Seitdem hat man offenbar keinerlei Vorkehrungen getroffen, um bei kĂŒnftigen ArbeitskĂ€mpfen wenigstens einen Minimalbetrieb sicherzustellen.
Die Erinnerung an den damaligen VerhandlungsfĂŒhrer Frank BĂ€sler und den Finanzsenator Thilo Sarrazin zeigt immerhin eines: Auch in harten Tarifauseinandersetzungen war es frĂŒher möglich, pragmatische Lösungen zu finden. Sarrazin setzte damals eine harte Linie durch â am Ende gab es 4,6 Prozent mehr Lohn statt der geforderten acht bis zwölf Prozent. Beide Seiten bemĂŒhten sich, die Folgen fĂŒr die FahrgĂ€ste abzufedern. Von diesem Verantwortungsbewusstsein ist heute wenig zu spĂŒren.
Ein Appell an den gesunden Menschenverstand
Deutschland braucht dringend eine gesetzliche Regelung nach italienischem Vorbild, die das Streikrecht wahrt, aber gleichzeitig eine Mindestversorgung im öffentlichen Nahverkehr garantiert. Es kann nicht sein, dass eine Millionenstadt wie Berlin regelmĂ€Ăig komplett stillgelegt wird, wĂ€hrend anderswo in Europa lĂ€ngst praktikable Lösungen existieren. Doch dafĂŒr brĂ€uchte es Politiker, die den Mut haben, unbequeme Entscheidungen zu treffen â und nicht nur âVerstĂ€ndnis fĂŒr die FahrgĂ€ste" Ă€uĂern, wĂ€hrend sie tatenlos zusehen.
Die Berliner haben es verdient, dass ihre MobilitÀt nicht zum Spielball von Tarifkonflikten wird. Und sie haben es verdient, dass ihre gewÀhlten Vertreter endlich handeln, statt sich hinter fadenscheinigen Ausreden zu verstecken. Denn eines ist sicher: Der nÀchste Streik kommt bestimmt. Die Frage ist nur, ob Berlin dann immer noch so hilflos dasteht wie heute.










