
Bauhaus als Nazi-Keule: Wie ein Kulturstaatsminister die Geschichte für den Wahlkampf verramscht
Es gibt Sätze, die verraten mehr über den Sprecher als über das beschriebene Objekt. Kulturstaatsminister Wolfram Weimer hat einen solchen Satz geliefert. Im Gespräch mit dem Redaktionsnetzwerk Deutschland erklärte er, die AfD in Sachsen-Anhalt stehe – was das Bauhaus angehe – „in direkter Kontinuität der Nazis“. Nicht in gefährlicher Nähe. Nicht in bedenklicher Tonlage. In direkter Kontinuität. Ein Vorwurf, der keinen Interpretationsspielraum lässt, weil er keinen lassen soll.
Wenn der Kulturminister zum Kulturkämpfer mutiert
Weimer selbst hat aus seinen Absichten kein Geheimnis gemacht. Das Land rutsche nach rechtsaußen ab, das wolle er verhindern, sagte er sinngemäß – und bezeichnete sich gleich selbst als Kulturkämpfer gegen die AfD. Man reibt sich die Augen: Ein Staatsminister, dessen Amt eigentlich der Pflege von Kunst, Literatur und geistigem Erbe gewidmet ist, definiert seine Rolle offen als parteipolitische Kampfmission gegen die größte Oppositionspartei des Deutschen Bundestages. Neutralitätsgebot? Offenbar ein Relikt aus der Zeit, als Ämter noch Ämter waren und keine Wahlkampfbühnen.
Darf man Bauhaus hässlich finden?
Natürlich haben die Nationalsozialisten das Bauhaus bekämpft, verfolgt, zerschlagen. Das ist historisch unbestritten und bleibt eine Schande. Doch daraus abzuleiten, dass jeder heutige Kritiker dieses Baustils in der Traditionslinie der NSDAP stehe, ist intellektuell so dünn, dass man sich fragt, ob der Minister das selbst glaubt. Man darf nüchterne Betonkuben unästhetisch finden. Man darf die staatliche Alimentierung einer Stiftung hinterfragen, schlicht aus der liberalen Überzeugung heraus, dass der Steuerzahler nicht für jede Geschmacksrichtung aufkommen muss. Weimer hingegen fordert, die Förderung müsse selbst bei einem AfD-Wahlsieg fortgeführt werden – Verantwortung für das Welterbe, wie es heißt.
Wer bei jeder politischen Meinungsverschiedenheit reflexhaft nach Hitler greift, entwertet die Erinnerung an dessen Opfer.
Das Spiel mit den Einzelpositionen
Die Methode ist so simpel wie durchsichtig: Man sucht eine beliebige Position, die auch das NS-Regime vertrat, und pappt sie einer heutigen Partei an. Ausbau des Sozialstaats? Der 1. Mai als Feiertag? Zwangsgebühren für den Rundfunk? Haushaltspolitik auf Pump? Nach dieser Logik müsste sich beinahe jede Partei im Bundestag den Vorwurf gefallen lassen. Besonders pikant wird es, wenn ausgerechnet aus jener Partei geschossen wird, die in ihrer Frühzeit ehemalige NSDAP-Mitglieder bis in höchste Staatsämter befördert hat. Wer im Glashaus sitzt, sollte den Stein wenigstens gründlich prüfen, bevor er wirft.
Selbst kritische Gutachten geben das nicht her
Bemerkenswert ist, dass nicht einmal jene Expertisen, die der AfD alles andere als wohlgesonnen sind, eine Wesensverwandtschaft mit dem Nationalsozialismus feststellen konnten. Das umfangreichste Gutachten aus dem linken Spektrum kam zwar zum Schluss der Verfassungswidrigkeit – Vergleiche mit der NSDAP aber suchte man vergebens. Auch eine Abschaffung des Parlamentarismus konnte man nicht belegen. Weimer müsste das wissen. Der Hitlerismus war von Beginn an ein Projekt der Gewalt, des Rassenwahns, des mörderischen Antisemitismus und der Diktatur. Ihn mit Wahlprogrammpunkten einer Oppositionspartei gleichzusetzen, zeugt entweder von historischer Ahnungslosigkeit oder von kalkulierter Instrumentalisierung.
Ein Amt, das mehr verdient hätte
Und diese Denkweise ist längst kein Ausrutscher eines Einzelnen mehr. Von Landesfürsten der Union bis in die Kanzlerzentrale hat sich die Gewohnheit eingeschlichen, Millionen Wähler in die Nähe des größten Verbrechens der deutschen Geschichte zu rücken. Dass dabei die Erinnerung an die Shoah zum rhetorischen Wegwerfartikel verkommt, scheint niemanden zu stören – solange die Umfragen es hergeben.
Ein Kulturstaatsminister sollte der Anwalt des Geistes sein, nicht der Munitionslieferant im Wahlkampf. Wer das Amt der schönen Gedanken für plumpe Geschichtsverdrehung missbraucht, sollte sich schämen. Nach Ansicht unserer Redaktion – und, so darf man vermuten, eines beträchtlichen Teils der Bürger dieses Landes – wäre etwas mehr Demut vor der Geschichte und etwas weniger Eifer im Etikettieren der bessere Weg gewesen.










