Kettner Edelmetalle
01.04.2026
21:54 Uhr

GlÀserner Patient 2.0: Bundesregierung will Arztbesuche komplett digitalisieren

Was klingt wie eine Verheißung der modernen Medizin, entpuppt sich bei genauerem Hinsehen als weiterer Schritt in Richtung totaler Datenerfassung des BĂŒrgers. Bundesgesundheitsministerin Nina Warken (CDU) hat einen Gesetzentwurf vorgelegt, der die elektronische Patientenakte (ePA) zur zentralen Schaltstelle des deutschen Gesundheitswesens machen soll. Arzttermine buchen, Überweisungen erhalten, ErsteinschĂ€tzungen durchlaufen – alles digital, alles ĂŒber eine App. Fortschritt oder Kontrollwahn?

Die elektronische Patientenakte als Dreh- und Angelpunkt

Der Entwurf fĂŒr ein „Gesetz fĂŒr Daten und digitale Innovation im Gesundheitswesen" sieht vor, dass Patienten kĂŒnftig ĂŒber ihre ePA-App Termine bei Ärzten buchen können. Bevor es jedoch ĂŒberhaupt zum Arztbesuch kommt, soll eine bundeseinheitliche, standardisierte ErsteinschĂ€tzung durch die Terminservicestellen der KassenĂ€rztlichen Vereinigungen erfolgen. Erst wenn ein Behandlungsbedarf festgestellt wird, könne ein Termin gebucht werden – wahlweise fĂŒr einen Praxisbesuch oder eine Videosprechstunde.

Man muss sich das einmal auf der Zunge zergehen lassen: Ein Algorithmus entscheidet kĂŒnftig darĂŒber, ob der BĂŒrger ĂŒberhaupt einen Arzt sehen darf. Bei akuten Beschwerden sollen Versicherte an ein „standardisiertes ErsteinschĂ€tzungssystem" verwiesen werden. Was das in der Praxis bedeutet, kann sich jeder ausmalen, der schon einmal versucht hat, bei einer Behörden-Hotline durchzukommen.

Elektronische Überweisung wird Pflicht – ab 2029

Doch damit nicht genug. Ab dem 1. September 2029 sollen Ärzte verpflichtet sein, elektronische Überweisungen anzubieten. Die KassenĂ€rztliche Bundesvereinigung und der GKV-Spitzenverband sollen die technischen Rahmenbedingungen festlegen. SĂ€mtliche Informationen – sofern der Versicherte nicht ausdrĂŒcklich widersprochen hat – werden ĂŒber die ePA zusammengefĂŒhrt. Überweisungsdaten sollen nach 100 Tagen gelöscht werden. Ob man dieser Zusicherung vertrauen mag, sei jedem selbst ĂŒberlassen.

Der Informationsaustausch zwischen Haus- und FachÀrzten soll beschleunigt, Wartezeiten am Praxistresen reduziert werden. Klingt wunderbar. Doch wer garantiert, dass diese hochsensiblen Gesundheitsdaten tatsÀchlich sicher sind? Deutschland, das Land, in dem selbst die Digitalisierung der Schulen seit Jahrzehnten scheitert, will nun das gesamte Gesundheitswesen auf digitale Schienen setzen.

Regulierung privater Plattformen

Immerhin zeigt der Gesetzentwurf in einem Punkt einen Hauch von Vernunft: Private Terminbuchungsplattformen wie Doctolib oder Jameda sollen stĂ€rker reguliert werden. Eine kommerzielle Drittnutzung des Terminbuchungsprozesses soll unterbunden werden. Die Terminvermittlung mĂŒsse „diskriminierungsfrei" erfolgen und Datenschutzvorgaben einhalten. Dass ausgerechnet eine Regierung, die mit dem 500-Milliarden-Euro-Sondervermögen die Schuldenbremse faktisch ausgehebelt hat, nun beim Datenschutz Strenge walten lassen will, entbehrt nicht einer gewissen Ironie.

Der glĂ€serne Patient – gewollt oder geduldet?

Was bei all den schönen Versprechen von „nutzerfreundlichen digitalen Wegen" und „spĂŒrbaren Mehrwerten" untergeht: Hier wird ein System geschaffen, das den Gesundheitszustand jedes einzelnen BĂŒrgers zentral erfasst und vernetzt. In AusnahmefĂ€llen dĂŒrfe man zwar noch einen Ausdruck in Papierform erhalten – doch wie lange noch? Die Richtung ist klar: Wer sich dem digitalen Diktat verweigert, wird zum Patienten zweiter Klasse.

Die Frage, die sich jeder mĂŒndige BĂŒrger stellen sollte, lautet nicht, ob Digitalisierung im Gesundheitswesen sinnvoll ist – das ist sie zweifellos. Die Frage ist vielmehr, ob ein Staat, der seine BĂŒrger mit immer neuen Steuern und Abgaben belastet, der die Infrastruktur verfallen lĂ€sst und der bei der inneren Sicherheit klĂ€glich versagt, ausgerechnet bei der Verwaltung intimster Gesundheitsdaten plötzlich Kompetenz und VertrauenswĂŒrdigkeit beweisen wird. Die Antwort dĂŒrfte fĂŒr viele Deutsche ernĂŒchternd ausfallen.

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