Kettner Edelmetalle
03.08.2026
09:28 Uhr
KI-generiert

Der Dollar wackelt in Zeitlupe: Wie die Brics-Staaten das Finanzsystem des Westens von innen aushöhlen

Der Dollar wackelt in Zeitlupe: Wie die Brics-Staaten das Finanzsystem des Westens von innen aushöhlen
Symbolbild: KI-generiert

Es gibt Revolutionen, die mit Panzern beginnen – und solche, die mit Buchungssätzen anfangen. Was sich derzeit zwischen Moskau, Peking, Neu-Delhi und Abu Dhabi abspielt, gehört zur zweiten Kategorie. Kein Knall, kein Sturz, keine dramatische Erklärung. Stattdessen: Landeswährungen, Clearing-Mechanismen, Zahlungsinfrastruktur. Langweilig? Auf dem Papier ja. In seinen Folgen für den Westen möglicherweise historisch.

„Dedollarisierung“ – das am häufigsten missverstandene Wort der Gegenwart

Kaum ein Begriff wird so oft in den Mund genommen und so selten verstanden. Wer glaubt, die Brics-Staaten planten das plötzliche Ende der amerikanischen Leitwährung, hat die offiziellen Dokumente des Bündnisses offenkundig nicht gelesen. Der russische Brics-Rat spricht in einer aktuellen Analyse von einem „praktischen Graduieren“ – auf gut Deutsch: von einem evolutionären Umbau, nicht von einem Bruch. Es gehe um den verstärkten Einsatz nationaler Währungen, um den Ausbau eigener Zahlungswege und um die institutionelle Stärkung von Einrichtungen wie der Neuen Entwicklungsbank.

Selbst Wladimir Putin trat im Dezember 2025 auf die Bremse: Auf die Frage indischer Journalisten nach einer gemeinsamen Brics-Währung erklärte er, man dürfe in solchen Fragen keine groben Fehler machen und solle nichts überstürzen. Wer in geopolitischen Kategorien denkt, weiß: Solche Sätze sind kein Rückzug. Sie sind die Ankündigung von Geduld – jener Ressource, die im politischen Berlin bekanntlich am knappsten ist.

Vier Ebenen, drei Baustellen und ein unantastbares Tabu

Im Brics-Kosmos unterscheidet man vier Dimensionen: die Abwicklung bilateralen Handels in Landeswährungen, Kredite und Anleihen außerhalb des Dollarraums, den Aufbau eigener Zahlungs- und Clearingsysteme sowie – als weitaus ambitionierteres Fernziel – die Reduzierung des Dollaranteils in den Währungsreserven der Notenbanken. In den ersten drei Feldern wird geliefert. Beim vierten schweigen die Kommuniqués beharrlich.

Die Moskauer Ökonomin Svetlana Frumina bringt es auf einen Punkt, den man in westlichen Hauptstädten gerne überhören würde:

Eine Reservewährung lebt von Vorhersehbarkeit, Liquidität und stabilen Regeln – Eigenschaften, die man nicht per Beschluss herstellen kann, sondern die über Jahrzehnte wachsen.

Genau das ist die eigentliche Nachricht. Denn Vorhersehbarkeit und stabile Regeln sind exakt jene Güter, die der Westen in den vergangenen Jahren mit erstaunlicher Leichtfertigkeit verschleudert hat. Wer Währungsreserven einfriert, Zahlungssysteme zur Waffe erklärt und Sanktionen zum Standardinstrument der Außenpolitik macht, darf sich nicht wundern, wenn halb die Welt beginnt, sich eine Hintertür zu bauen.

Nüchterne Motive statt großer Ideologie

Die Antriebskräfte seien praktischer Natur, heißt es aus dem Brics-Rat: Wechselkursrisiken, wenn Kredite in Dollar laufen, Einnahmen aber in Landeswährung anfallen. Kosten und Ineffizienz bestehender Zahlungswege. Und der Wunsch nach finanzieller Stabilität und politischer Autonomie. Die Neue Entwicklungsbank will laut ihrer Strategie für die Jahre 2022 bis 2026 bis zu 30 Prozent ihrer Kreditverpflichtungen in Landeswährungen denominieren; bislang habe sie Finanzierungen von 42,9 Milliarden US-Dollar für 139 Projekte bewilligt.

Man sollte sich die Gewichte vor Augen führen. Ursprünglich 2006 von Brasilien, Russland, Indien und China gegründet, 2010 um Südafrika erweitert, kamen Anfang 2024 Ägypten, Äthiopien, Iran und die Vereinigten Arabischen Emirate hinzu, 2025 Indonesien; Saudi-Arabien sitzt als Beobachter am Tisch. Nach Angaben des Statistischen Bundesamts vereinen die Brics inzwischen rund 48 Prozent der Weltbevölkerung und etwa 39 Prozent der globalen Wirtschaftsleistung nach Kaufkraftparität – mehr als die G7 zusammen. Im russisch-chinesischen Handel werden bereits über 80 Prozent der Geschäfte in Landeswährungen abgewickelt, der Handel innerhalb des Bündnisses hat die Marke von einer Billion Dollar überschritten.

Brics Pay: Konzept, Pilotprojekt – und politisches Signal

Brics Pay soll grenzüberschreitende Transaktionen ohne den Umweg über Dollar-Clearingstellen oder SWIFT ermöglichen. Victoria Panova von der Higher School of Economics formuliert das Ziel unverblümt: Jede Bewegung im Rahmen der Brics diene dazu, die Unabhängigkeit des Zusammenschlusses zu erhöhen und die Staaten sanktionsresistent zu machen. Dass ausgerechnet Indien – traditionell der vorsichtige Balanceur zwischen West und Ost – das Projekt vorantreibe, sei ein politisches Signal.

Doch Einigkeit herrscht keineswegs. Manche Mitglieder wollten sich von Sanktionen befreien, andere seien mit dem Dollar sehr zufrieden, räumt Panova ein. Mikhail Nikitin, Partner bei 5D Consulting, mahnt zur Nüchternheit: Brics Pay existiere bislang als Konzept und als Bündel von Pilotlösungen; einen abrupten Bruch mit der Dollar-Infrastruktur werde es nicht geben. Entscheidend seien einheitliche Standards, abgestimmte Emissionsregeln und funktionierende Clearing-Mechanismen – nicht Symbolik.

Und plötzlich fällt das Wort Gold

Spannend wird es dort, wo über eine künftige Verrechnungseinheit nachgedacht wird. Die Digitalökonomin Lilia Aleeva hält einen Währungskorb für plausibel – gewichtet nach Wirtschaftsleistung und Handelsvolumen, möglicherweise ergänzt um Rohstoffe. Der Brics-Ökonom Michail Chatschaturjan bringt einen Korb aus Yuan, Rubel und Real ins Spiel – oder alternativ eine Goldanbindung. Eine funktionierende Plattform hält er bis 2029 oder 2030 für realistisch.

Das ist der bemerkenswerteste Satz dieser ganzen Debatte. Während man in Europa über Klimataxonomien, Gendersternchen und Sondervermögen in dreistelliger Milliardenhöhe debattiert, denken andere über eine Deckung ihres Geldes durch reale Werte nach. Gold kennt keine Notenbanksitzung, keinen Koalitionsvertrag und keine Kreditwürdigkeitsprüfung. Es ist das älteste Misstrauensvotum der Geschichte gegen politisch gemachtes Geld – und offenbar wieder salonfähig.

Der Dollar bleibt – aber die Alternativlosigkeit ist weg

Die Hürden sind real: unterschiedliche Konvertierbarkeit der Mitgliedswährungen, dünne Kapitalmärkte, Vertrauensfragen, institutionelle Fragmentierung. Selbst der Yuan ist nicht frei konvertierbar, was eine strukturelle Asymmetrie schafft: Die USA verteilen ihre Schuldenlast über ein tief integriertes Dollarsystem weltweit, China kann das unter Kapitalverkehrskontrollen nicht. Der Dollaranteil an den globalen Reserven liegt weiter bei rund 57 Prozent.

Und doch, meint Frumina, erscheine diese Dominanz weniger alternativlos als noch vor wenigen Jahren. Der Maßstab für Erfolg sei nicht das Ende des Dollars, sondern messbare Fortschritte: mehr Handel in Landeswährungen, mehr Entwicklungsfinanzierung jenseits des Dollarraums, kompatiblere Zahlungssysteme, sinkende Transaktionskosten. Mitte September lädt Indien als Vorsitzland zum Gipfel nach Neu-Delhi – Brics Pay dürfte erneut auf der Tagesordnung stehen.

Was bleibt für den deutschen Sparer? Die unbequeme Erkenntnis, dass die Architektur, in der sein Vermögen liegt, gerade umgebaut wird – von anderen, ohne ihn zu fragen. Wer Vermögen über Systemwechsel hinweg erhalten will, kommt an physischen Edelmetallen als Beimischung in einem breit gestreuten Portfolio schwer vorbei. Sie sind kein Versprechen auf Rendite, sondern ein Versprechen auf Unabhängigkeit. Und die ist, wie man dieser Tage sieht, das teuerste Gut der Welt.

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