Kettner Edelmetalle
04.03.2026
15:51 Uhr

BASF verrÀt Berliner Belegschaft: Tausende Jobs wandern nach Indien

Was vor zwanzig Jahren als Standortversprechen begann, endet nun als bittere Lektion ĂŒber die RealitĂ€t des Wirtschaftsstandorts Deutschland. Der Chemiegigant BASF hat angekĂŒndigt, ArbeitsplĂ€tze am Berliner Servicezentrum abzubauen und nach Indien sowie Malaysia zu verlagern. Fast 3.000 Menschen arbeiten am Berliner Standort – wie viele von ihnen ihre Stelle verlieren werden, darĂŒber schweigt sich der Konzern vielsagend aus.

Ein gebrochenes Versprechen

Die Geschichte hat eine besonders bittere Note. Im Jahr 2005 hatten die BeschĂ€ftigten einen bemerkenswerten Kompromiss geschlossen: Sie akzeptierten niedrigere GehĂ€lter und lĂ€ngere Arbeitszeiten als im FlĂ€chentarifvertrag der Chemieindustrie ĂŒblich, damit BASF seine konzerninternen Dienstleistungen in Berlin bĂŒndelte – statt sie, wie damals geplant, in die Slowakei auszulagern. Zwei Jahrzehnte lang hielt dieses Arrangement. Nun wird es mit einem Federstrich vom Vorstandstisch gewischt. Die Botschaft an die Belegschaft könnte kaum zynischer sein: Eure Opfer von damals? Vergessen. Eure LoyalitĂ€t? Wertlos.

Die Gewerkschaft IGBCE erinnert zu Recht an dieses Standortversprechen. Rund 300 Mitarbeiter versammelten sich vor dem BASF-Servicezentrum im Prenzlauer Berg, um gegen die VerlagerungsplĂ€ne zu protestieren. Sogar Berlins Regierender BĂŒrgermeister Kai Wegner erschien persönlich und forderte einen „verantwortungsvollen Umgang" mit den BeschĂ€ftigten. Schöne Worte – doch ob sie an der Konzernspitze in Ludwigshafen Gehör finden, darf bezweifelt werden.

Die „Winning Ways"-Strategie: Gewinnen auf Kosten der Belegschaft

Vorstandsvorsitzender Dr. Markus Kamieth und Finanzvorstand Dr. Dirk Elvermann prĂ€sentierten kĂŒrzlich den GeschĂ€ftsbericht fĂŒr 2025 – und die Zahlen sprechen eine deutliche Sprache. Der Umsatz schrumpfte um knapp drei Prozent auf 59,7 Milliarden Euro, das operative Ergebnis vor SondereinflĂŒssen fiel von 7,2 auf 6,6 Milliarden Euro. Kein Desaster, gewiss, aber ein Trend, der den Vorstand nervös macht.

Die Antwort des Managements trĂ€gt den wohlklingenden Namen „Winning Ways"-Strategie. Man habe sich „auf die Dinge konzentriert, die wir selbst steuern können", erklĂ€rte Kamieth. Übersetzt heißt das: Was man nicht steuern kann – die desaströse Energiepolitik, die erdrĂŒckende BĂŒrokratie, die explodierenden Standortkosten in Deutschland –, das umgeht man, indem man ArbeitsplĂ€tze dorthin verlagert, wo Arbeit billiger ist. Finanz- und Personalservices sollen kĂŒnftig in einem „globalen Hub" in Indien gebĂŒndelt werden, Lieferkettenbereiche wandern nach Kuala Lumpur in Malaysia.

Symptom einer kranken Volkswirtschaft

Man kann BASF fĂŒr diese Entscheidung kritisieren – und das sollte man auch. Doch wer ehrlich ist, muss den Blick weiten. Was hier geschieht, ist kein Einzelfall, sondern ein Symptom. Deutschland verliert seine WettbewerbsfĂ€higkeit in atemberaubendem Tempo. Die Energiepreise gehören zu den höchsten weltweit, die BĂŒrokratie erstickt jede unternehmerische Initiative, und die Steuer- und Abgabenlast treibt selbst traditionsreiche Konzerne in die Flucht.

WĂ€hrend frĂŒher vor allem Fertigungsjobs ins Ausland wanderten, trifft es nun zunehmend auch qualifizierte VerwaltungstĂ€tigkeiten. Das ist eine neue QualitĂ€t der Deindustrialisierung – oder besser gesagt: der De-Dienstleistung Deutschlands. Wenn selbst Buchhaltung und Personalwesen nicht mehr wirtschaftlich in Berlin erbracht werden können, dann stimmt etwas Grundlegendes nicht mit den Rahmenbedingungen.

Die neue Bundesregierung unter Friedrich Merz hatte versprochen, den Wirtschaftsstandort Deutschland wieder attraktiver zu machen. Doch statt konsequenter EntbĂŒrokratisierung und einer Energiepolitik, die den Namen verdient, wurde ein 500 Milliarden Euro schweres Sondervermögen auf den Weg gebracht, das kommende Generationen mit Schulden belastet. Die Energiewende verschlingt weiterhin Unsummen, ohne dass sich die WettbewerbsfĂ€higkeit verbessert. Und die Unternehmen? Die stimmen mit den FĂŒĂŸen ab.

Ludwigshafen: Schonfrist bis 2028

Am Stammwerk in Ludwigshafen, dem weltweit grĂ¶ĂŸten zusammenhĂ€ngenden Chemieareal mit rund 33.000 BeschĂ€ftigten auf zehn Quadratkilometern, sieht die Lage zumindest kurzfristig etwas besser aus. Eine neue Standortvereinbarung vom Dezember 2025 schließt betriebsbedingte KĂŒndigungen bis Ende 2028 aus. BASF will zudem jĂ€hrlich rund zwei Milliarden Euro in den Standort investieren. Doch der Teufel steckt im Detail: Die Vereinbarung gilt nur fĂŒr die BASF SE selbst, nicht fĂŒr die zahlreichen Tochterunternehmen am Standort. Dort kann weiterhin gekĂŒndigt werden.

FĂŒr 2026 erwartet der Vorstand keine deutliche Erholung, sondern bestenfalls StabilitĂ€t. Der „konsequente Umbau" des Unternehmens soll fortgesetzt werden – ein Euphemismus, der in der Praxis weitere Stellenstreichungen und Verlagerungen bedeuten dĂŒrfte.

Ein Weckruf, der verhallen wird

Der Fall BASF Berlin sollte ein Weckruf sein. Nicht nur fĂŒr die Politik, sondern fĂŒr die gesamte Gesellschaft. Wenn ein DAX-Konzern es fĂŒr wirtschaftlicher hĂ€lt, Dienstleistungen am anderen Ende der Welt erbringen zu lassen, statt in der deutschen Hauptstadt, dann ist das keine unternehmerische Laune – es ist ein vernichtendes Urteil ĂŒber den Standort Deutschland. Doch die Wahrscheinlichkeit, dass dieser Weckruf gehört wird, ist gering. Zu sehr ist die politische Klasse mit sich selbst beschĂ€ftigt, mit Gendersternchen und Klimazielen, wĂ€hrend die wirtschaftliche Substanz des Landes StĂŒck fĂŒr StĂŒck ins Ausland abwandert.

Die BeschĂ€ftigten in Berlin, die vor zwanzig Jahren auf Gehalt verzichteten, um ihren Standort zu retten, haben das Nachsehen. Ihre LoyalitĂ€t wurde mit einem Tritt in den RĂŒcken belohnt. Und die Politik? Die steht am Werkstor, hĂ€lt Reden – und schaut zu, wie der nĂ€chste Baustein des deutschen Wohlstands nach Asien verschifft wird.

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