Kettner Edelmetalle
07.04.2026
15:35 Uhr

Pistorius und die Ausreisepflicht: Wenn das Verteidigungsministerium seine eigenen Gesetze verschlÀft

Man könnte meinen, es handele sich um eine Satire aus der Feder eines besonders zynischen Kabarettisten. Doch was sich rund um das neue Wehrdienstgesetz abspielt, ist bittere RealitĂ€t – und ein weiteres Kapitel im Buch der politischen Inkompetenz, das in Berlin offenbar kein Ende finden will. Verteidigungsminister Boris Pistorius musste eingestehen, dass sein Ministerium eine zentrale Ausnahmeregel im Wehrdienstgesetz schlichtweg „verpennt" hat. Kein Scherz. Kein MissverstĂ€ndnis. Einfach vergessen.

Die Chronologie einer Blamage

Noch am Montag hatte das Verteidigungsministerium vollmundig erklĂ€rt, deutsche MĂ€nner zwischen 17 und 45 Jahren brĂ€uchten sich keine Sorgen zu machen: Die im Gesetz vorgesehene Ausreisegenehmigung fĂŒr Auslandsaufenthalte von mehr als drei Monaten werde automatisch als erteilt gelten. Alles kein Problem, alles unter Kontrolle – so die beruhigende Botschaft aus dem Bendlerblock.

Nur einen Tag spĂ€ter die Kehrtwende. Es stellte sich heraus: Eine entsprechende Verordnung oder Verwaltungsvorschrift, die diese automatische Genehmigung rechtlich absichern wĂŒrde, existiert schlicht nicht. Sie wurde nie erlassen. Man habe es versĂ€umt, so das Ministerium kleinlaut. Es werde nun „mit Hochdruck" daran gearbeitet, und es fehle nur noch eine Unterschrift. Nur noch eine Unterschrift – als wĂ€re das eine Lappalie und nicht der Beweis dafĂŒr, dass hier ein Gesetz in Kraft getreten ist, dessen praktische Konsequenzen offenbar niemand zu Ende gedacht hat.

DDR-Vergleiche und berechtigter Zorn

Was bedeutet das konkret? Seit dem 1. Januar 2026 gilt: Jeder deutsche Mann im Alter von 18 bis 45 Jahren, der lĂ€nger als drei Monate ins Ausland reisen möchte, muss sich bei den zustĂ€ndigen Karrierecentern der Bundeswehr melden und seinen Aufenthalt genehmigen lassen. Die rechtliche Grundlage dafĂŒr liefern reaktivierte Paragraphen des Wehrpflichtgesetzes, die nach der Aussetzung der Wehrpflicht unter dem damaligen Verteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg jahrelang in der Versenkung schlummerten.

Sahra Wagenknecht forderte bereits am Montag den RĂŒcktritt von Pistorius. Die Genehmigungspflicht fĂŒr Auslandsaufenthalte erinnere sie an „DDR- und Mauerzeiten", so die BSW-Vorsitzende. Und so ĂŒbertrieben dieser Vergleich auf den ersten Blick erscheinen mag – ganz von der Hand weisen lĂ€sst er sich nicht. Dass ein demokratischer Staat seinen mĂ€nnlichen BĂŒrgern vorschreibt, vor einer Auslandsreise um Erlaubnis zu fragen, hat tatsĂ€chlich einen Beigeschmack, der jedem freiheitsliebenden BĂŒrger sauer aufstoßen dĂŒrfte.

Die eigentliche Frage: Wer kontrolliert die Kontrolleure?

Was diese Episode besonders entlarvend macht, ist nicht allein die handwerkliche Schlamperei. Es ist die SelbstverstĂ€ndlichkeit, mit der ein Ministerium zunĂ€chst Falschinformationen verbreitet und dann, als die Wahrheit ans Licht kommt, achselzuckend eine „Panne" einrĂ€umt. Wie soll ein BĂŒrger Vertrauen in einen Staat haben, dessen Verteidigungsministerium nicht einmal in der Lage ist, die eigenen Gesetze korrekt umzusetzen? Wie soll eine Armee funktionieren, deren politische FĂŒhrung derart grundlegende Verwaltungsakte vergisst?

Die Ironie könnte kaum bitterer sein: Deutschland rĂŒstet verbal auf, beschwört die Zeitenwende, reaktiviert die Wehrpflicht – und scheitert dann an einer simplen Verwaltungsvorschrift. Es ist, als wĂŒrde man einen Panzer bestellen und vergessen, den Motor mitzuliefern.

Ein Symptom, kein Einzelfall

Dieser Vorfall reiht sich nahtlos ein in eine lange Kette von VersĂ€umnissen, die das Vertrauen der BĂŒrger in die politische Klasse dieses Landes systematisch untergraben. Ob marode BrĂŒcken, eine Bundeswehr ohne funktionierendes GerĂ€t, eine Digitalisierung, die den Namen nicht verdient, oder eben ein Wehrdienstgesetz, das in der Praxis nicht durchdacht wurde – das Muster ist immer dasselbe: Große AnkĂŒndigungen, gefolgt von dilettantischer Umsetzung.

Besonders pikant erscheint die Frage, die in den sozialen Medien bereits die Runde macht: Gilt die Ausreisegenehmigungspflicht eigentlich auch fĂŒr die Söhne von Politikern? Oder gibt es da, wie so oft in diesem Land, eine stillschweigende Zwei-Klassen-Regelung? WĂ€hrend der junge Deutsche, der sich eine Weltreise erspart hat, kĂŒnftig bei der Bundeswehr um Erlaubnis bitten soll, genießen andere offenbar ganz andere Freiheiten.

Boris Pistorius galt lange als einer der beliebtesten Politiker Deutschlands. Doch Beliebtheit, die auf Umfragen basiert statt auf Kompetenz, ist ein fragiles Konstrukt. SpĂ€testens jetzt sollte sich jeder fragen, ob dieser Minister den enormen Herausforderungen gewachsen ist, vor denen Deutschland sicherheitspolitisch steht. Denn wer eine Verwaltungsvorschrift „verpennt", dem traut man ungern die Verteidigung eines ganzen Landes an.

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