
Ölmilliarden für KI und Windräder: Alijews kühne Wette auf die Zukunft

Aserbaidschan will sich neu erfinden – und zwar mit dem Geld aus Öl und Gas. Auf dem „Azerbaijan International Investment Forum“ in Baku hat Präsident Ilham Alijew Anfang Oktober die nächste Entwicklungsstufe seines Landes ausgerufen. Erneuerbare Energien, Logistik, Künstliche Intelligenz, Rechenzentren, Bergbau und Ernährungssicherheit sollen zu neuen Wachstumsmotoren werden.
Das Paradox von Baku
Klingt nach Abschied vom Öl? Weit gefehlt. Alijew stellte unmissverständlich klar, dass Öl und Gas die Wirtschaft weiter dominieren und den Wohlstand erzeugen würden, der anschließend reinvestiert werde. Das Land will sich also vom Öl unabhängiger machen – indem es noch mehr davon verkauft.
Laut Alijew flossen in den vergangenen 20 Jahren mehr als 350 Milliarden US-Dollar an Investitionen ins Land, rund die Hälfte davon aus dem Ausland. Drei Jahrzehnte lang habe man Reserven, Infrastruktur und politische Stabilität aufgebaut. Jetzt soll diese Basis die Wirtschaft verbreitern.
Grüner Strom – damit mehr Gas exportiert werden kann
Der Clou der Ökostrom-Offensive ist bemerkenswert nüchtern. Allein im aserbaidschanischen Teil des Kaspischen Meeres sieht Alijew ein Offshore-Potenzial von geschätzt 157 Gigawatt. Wind und Sonne sollen aber vor allem das Gas ersetzen, das bislang in heimischen Kraftwerken verfeuert wird. Das eingesparte Gas soll in den Export gehen.
Klimapolitik als Geschäftsmodell, nicht als Glaubensbekenntnis – ein Ansatz, über den man in Berlin durchaus einmal nachdenken könnte. Geplant sind zudem Stromspeicher, ein Unterseekabel durch das Kaspische Meer mit Kasachstan und Usbekistan sowie ein Kabel durch das Schwarze Meer über Georgien nach Rumänien. Dafür brauche es, so Alijew, erhebliches Kapital von außen.
Deutschland klopft längst an
Für Deutschland ist das keine ferne Kaukasus-Story. Bereits im Juli hatte Bundeskanzler Friedrich Merz Alijew in Berlin empfangen. Medienberichten zufolge will die Bundesregierung deutlich mehr Gas und Öl aus Aserbaidschan beziehen. Alijew signalisierte Bereitschaft, verwies aber auf nötige neue Verträge und den Ausbau der Infrastruktur. Wer nach dem Ende russischer Lieferungen neue Partner sucht, muss eben nehmen, was der Markt bietet.
Drehscheibe zwischen Asien und Europa
Zweite Säule ist die Logistik. Bahnstrecken, Autobahnen und Häfen sollen den Mittleren Korridor zwischen China und Europa stärken. Der Transitverkehr werde in diesem Jahr voraussichtlich 16 Millionen Tonnen erreichen, bis 2030 sind 25 Millionen Tonnen das Ziel.
Bemerkenswert: Alijew will nicht allein von Kriegen und Sanktionen profitieren. Selbst wenn die Lage wieder so werde wie vor fünf Jahren, müsse das Land für Lieferanten attraktiv bleiben – durch digitale Zollsysteme und verlässliche Regeln.
„Als Erstes: das Büro eröffnen“
Neu ist die Eile beim Digitalen. Günstige Energie, Glasfaser und die Lage zwischen zwei Kontinenten sollen Rechenzentren anlocken; mit führenden internationalen Konzernen verhandle man bereits. Seine Botschaft an die Tech-Riesen fiel knapp aus:
„Als Erstes: das Büro eröffnen.“
Solide Kasse, harte Realität
Finanziell präsentiert sich Baku als Musterschüler. Die öffentliche Auslandsverschuldung liege bei rund 5,6 Prozent des BIP, die Devisenreserven überträfen sie fast um das 30-Fache. Der Manat notiert seit April 2017 stabil bei 1,70 pro Dollar. Und die Verträge mit Ölkonzernen? „Kein einziges Wort wurde geändert“, betonte Alijew. Ein Staat, der seine Zusagen hält und keine Schuldenberge auftürmt – während Berlin ein 500-Milliarden-Sondervermögen auf Pump schnürt, wirkt das fast exotisch.
Doch die Kehrseite räumt selbst Alijew ein: Zwar stehe der Nicht-Öl-Sektor für mehr als 70 Prozent des BIP, doch Kohlenwasserstoffe brächten weiterhin fast 90 Prozent der Exporterlöse. Genau an dieser Lücke wird sich messen lassen, ob die Strategie aufgeht.
Ausländische Investoren sollen deshalb nicht nur Geld, sondern auch Wissen ins Land bringen. In den 1990er-Jahren seien über 90 Prozent der Beschäftigten der Ölkonzerne Ausländer gewesen, heute nur noch etwa 5 Prozent. Bis Wind, Daten und Erze das Öl tatsächlich ablösen, bleibt die Zukunft Aserbaidschans aber vor allem eines: ölfinanziert.










