
Merz feiert 3.053 Startups – und verschweigt 12.900 Pleiten: Die Rechenkunst des Kanzlers
Es gibt Zahlen, die man gerne ans Rednerpult trägt. Und es gibt Zahlen, die man lieber in der Schublade lässt. Bundeskanzler Friedrich Merz hat sich in seiner Regierungserklärung für Ersteres entschieden – und dabei jene Statistik geflissentlich übersehen, die das eigentliche Bild der deutschen Wirtschaftslage zeichnet.
Der Gründungsboom, den es angeblich noch nie gab
3.053 Neugründungen im ersten Halbjahr 2026, meldet der Startup-Verband. Das seien 52 Prozent mehr als im zweiten Halbjahr des Vorjahres und mehr als im gesamten Jahr 2024. Verbandschefin Verena Pausder sprach von einer nie dagewesenen Gründungsdynamik. Künstliche Intelligenz senke die Hürden, immer mehr Menschen ergriffen die Chance. Über tausend der Neugründungen hätten einen klaren KI-Bezug, die Softwarebranche führe mit 844 Gründungen das Feld an, gefolgt von Medizin und Lebensmitteln.
Klingt nach Aufbruch. Klingt nach Zukunft. Klingt – und hier beginnt das Problem – nach einer sorgfältig kuratierten Auswahl.
Die andere Zahl: 12.900
Denn während der Kanzler die Gründerzahlen feierte, meldete die Creditreform Wirtschaftsforschung 12.900 Firmeninsolvenzen im ersten Halbjahr 2026 – den höchsten Stand seit 2013. Besonders brutal trifft es ausgerechnet jene jungen Unternehmen, die Merz als Beleg für den Aufschwung heranzieht: Bei Firmen, die höchstens zwei Jahre am Markt waren, stieg die Zahl der Pleiten um 25,3 Prozent. Bei drei- bis vierjährigen Unternehmen um 11,1 Prozent.
„Viele Menschen suchen ihr Heil in der Selbstständigkeit, weil die Spannungen am Arbeitsmarkt signifikant zunehmen. Mehr Gründungen heißt aber auch, dass mehr scheitern. Das schwierige Umfeld verzeiht keine Fehlkalkulationen." – Patrik-Ludwig Hantzsch, Creditreform
Man lese diesen Satz zweimal. Der Gründungsboom sei also kein Ausdruck übersprudelnder Zuversicht, sondern zu einem beachtlichen Teil eine Fluchtbewegung. Wer keinen Arbeitsplatz mehr findet, gründet eben – nicht aus Lust, sondern aus Not. Das nennt man in Berlin dann „Dynamik".
0,2 Prozent Wachstum – und der Rhein macht schlapp
Das Bruttoinlandsprodukt legte im zweiten Quartal um mickrige 0,2 Prozent zu, nach 0,4 Prozent im ersten. Die Produktion stieg im Mai gegenüber dem Vormonat um 0,9 Prozent – gegenüber Mai 2025 aber: exakt null Veränderung. Ein Stillstand, hübsch verpackt.
Und dann kommt das Wasser. Genauer: das fehlende. Das Niedrigwasser im Rhein hat in Köln und Bonn neue Tiefststände erreicht, in Köln findet nach Angaben des Instituts der deutschen Wirtschaft überhaupt keine Schifffahrt mehr statt. IW-Ökonom Thilo Schäfer warnte, ein längerer Ausfall der Rheinschifffahrt könne das „klitzekleine Pflänzchen Wachstum" komplett ersticken – 0,4 Prozentpunkte weniger seien möglich. Zum Vergleich: Das ist mehr, als die Volkswirtschaft im Halbjahr überhaupt zugelegt hat.
Chemie, Stahl, Raffinerien – die Rohstoffe kommen schlicht nicht mehr an. Dass ein Industrieland im Jahr 2026 seine Lieferketten an einem einzigen Fluss aufhängt, ohne über Jahrzehnte in Schienen, Straßen und Flussvertiefung investiert zu haben, ist kein Naturereignis. Es ist das Ergebnis politischer Prioritäten, die anderswo lagen.
Eine Strategie gegen das Symptom
Das Kabinett beschloss am 22. Juli eine „Startup- und Scaleup-Strategie". Wirtschaftsministerin Katherina Reiche nennt drei Ziele: Gründen erleichtern, Wachstum beschleunigen, Innovationen im Land halten. Man wünscht ihr Erfolg – doch dieselbe Ministerin räumt zugleich ein, dass mit sinkenden Strompreisen erst in den 2030er Jahren zu rechnen sei. Ein Jungunternehmer, der heute gründet, soll sich also noch ein knappes Jahrzehnt an Europas höchsten Energiekosten abarbeiten. Viel Vergnügen.
Papier ist geduldig, Bilanzen sind es nicht
Es fehlt in Deutschland nicht an Strategien, Gipfeln und Absichtserklärungen. Es fehlt an bezahlbarer Energie, an schlankem Recht, an einer Steuerlast, die Kapitalbildung nicht bestraft. Solange 500 Milliarden Euro Sondervermögen auf Pump die Inflation befeuern und die nächste Generation zur Zinszahlung verurteilen, bleibt jede Gründerförderung ein Pflaster auf einem strukturellen Bruch.
Was Anleger daraus lernen sollten
Wenn Regierungen anfangen, Teilstatistiken zu Erfolgsgeschichten zu verdichten, ist Wachsamkeit geboten. Eine schwächelnde Realwirtschaft, Rekordinsolvenzen, wachsende Sorge um Deutschlands Top-Bonität und schuldenfinanzierte Konjunkturprogramme – das ist ein Umfeld, in dem Kaufkraft leise erodiert. Physisches Gold und Silber kennen keine Insolvenzquote, keine Bonitätsherabstufung und keinen Kanzler, der ihre Zahlen schönredet. Als Beimischung in einem breit gestreuten Vermögen erfüllen sie seit Jahrhunderten dieselbe Aufgabe: bewahren, was Politik zu verspielen droht.
Hinweis: Dieser Beitrag stellt keine Anlageberatung dar. Er gibt die Einschätzung unserer Redaktion auf Basis der uns vorliegenden Informationen wieder. Jede Anlageentscheidung erfordert eigene Recherche und gegebenenfalls die Konsultation eines qualifizierten Beraters. Für Vermögensdispositionen und deren Folgen ist ausschließlich der Anleger selbst verantwortlich. Eine Rechts- oder Steuerberatung findet ebenfalls nicht statt.
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