
Kirchenasyl als Rechtsbruch: SPD-Mann verlÀsst evangelische Kirche aus Protest
Die evangelische Kirche in Deutschland erlebt einen weiteren herben Mitgliederverlust â diesmal mit politischem Paukenschlag. Der ehemalige SPD-Bundestagsabgeordnete Christian Lange kĂŒndigte seinen Austritt an und begrĂŒndete diesen Schritt mit der ausufernden Praxis des Kirchenasyls. Seine Kritik trifft ins Mark einer Debatte, die Deutschland seit Jahren spaltet: Darf sich die Kirche ĂŒber geltendes Recht stellen?
âDie fortgesetzte Praxis des Kirchenasyls stellt fĂŒr mich eine Missachtung rechtsstaatlicher Entscheidungen dar", erklĂ€rte Lange in ungewöhnlicher Deutlichkeit. Der 61-jĂ€hrige Sozialdemokrat wirft den Kirchenvertretern vor, gesetzlich geordnete Asylverfahren zu konterkarieren und Urteile unabhĂ€ngiger Gerichte zu unterlaufen. Ein bemerkenswerter Vorgang, wenn ein SPD-Politiker â traditionell eher kirchennah â derart harsche Kritik ĂŒbt.
Somalier im Kirchenasyl: Der Tropfen, der das Fass zum Ăberlaufen brachte
Auslöser fĂŒr Langes Entscheidung war offenbar die Aufnahme dreier Somalier in einer Berliner Kirche. Die MĂ€nner waren zuvor wiederholt an der polnischen Grenze zurĂŒckgewiesen worden und suchten nun Schutz vor einer drohenden Abschiebung. Der Berliner Bischof Christian StĂ€blein, der die Somalier persönlich traf, verteidigte deren Aufnahme als âDienst fĂŒr die Gesellschaft, die auf diese Weise an ihr Fundament der Barmherzigkeit erinnert wird".
FĂŒr Lange ist diese Haltung nicht hinnehmbar. In einem Brief an Bischöfin Kirsten Fehrs und die SPD-Bundestagsabgeordnete Kerstin Griese schrieb er: âMit solchen Auftritten entsteht der Eindruck, kirchliche FĂŒrsorge stehe ĂŒber staatlichem Recht." Besonders brisant: Lange wirft Bischof StĂ€blein vor, mit seinen politischen ĂuĂerungen im Bundestagswahlkampf 2025 âpopulistische RĂ€nder" gestĂ€rkt zu haben.
Die Kirche als politischer Akteur â ein gefĂ€hrliches Spiel?
StĂ€blein hatte vor Mehrheitsbildungen gewarnt, an denen âRechtsextreme" beteiligt seien. Lange kontert scharf: âWenn die evangelische Kirche rechtsstaatliche Entscheidungen durch das GewĂ€hren von Kirchenasyl aushebelt und zugleich parteipolitisch interveniert, fördert sie die AfD." Eine bemerkenswerte Analyse aus den Reihen der SPD, die zeigt, wie sehr die Migrationspolitik mittlerweile auch das linke Lager spaltet.
Die Zahlen sprechen eine deutliche Sprache: Allein im vergangenen Jahr wurden 2.386 FĂ€lle von Kirchenasyl gemeldet â rund 300 mehr als 2023. Insgesamt nahmen kirchliche Stellen 2.966 ausreisepflichtige Personen in Obhut und entzogen sie damit dem staatlichen Zugriff. Ein Vorgehen, das rechtlich auf tönernen FĂŒĂen steht.
Kirchenasyl: Moralische Ăberlegenheit oder Rechtsbeugung?
Das Kirchenasyl ist rechtlich nicht bindend. Es beruht lediglich auf einer moralischen Entscheidung der Kirchengemeinden, die mit den Behörden ĂŒber den Verbleib der abzuschiebenden Personen verhandeln. Dabei werden gezielt die europĂ€ischen Ăberstellungsfristen unterlaufen. Nach der Dublin-III-Verordnung betrĂ€gt die Frist sechs Monate, um einen Asylbewerber in das Ersteinreiseland zurĂŒckzufĂŒhren. Gelingt dies nicht, wird Deutschland zustĂ€ndig â eine Ăberstellung ist dann nicht mehr möglich.
Der Migrationsforscher Daniel Thym Ă€uĂerte UnverstĂ€ndnis ĂŒber diese Praxis: âEs ist mir moralisch unverstĂ€ndlich, warum die Kirchen ihr humanitĂ€res Kapital derzeit vor allem darauf verwenden, Abschiebungen in andere EU-Mitgliedstaaten zu verhindern." Auch Hamburgs Innensenator Andy Grote (SPD) stellte klar: âDie Kirche steht nicht ĂŒber dem Recht. Wir können als Staat die Entscheidung darĂŒber, wer am Ende ein Bleiberecht hat, nicht anderen Institutionen ĂŒberlassen."
Massenflucht aus den Kirchen â ein Trend ohne Ende?
Langes Austritt ist kein Einzelfall, sondern Teil eines dramatischen Trends. Im vergangenen Jahr verloren die evangelische und katholische Kirche zusammen mehr als eine Million Mitglieder. Ende 2023 zĂ€hlten beide Konfessionen noch 38,9 Millionen Mitglieder â ein Jahr spĂ€ter waren es nur noch 37,8 Millionen. Die GrĂŒnde sind vielfĂ€ltig, doch die zunehmende Politisierung der Kirchen dĂŒrfte eine wesentliche Rolle spielen.
Die Kirchen stehen vor einem Dilemma: Einerseits sehen sie sich ihrem christlichen Auftrag der NĂ€chstenliebe verpflichtet, andererseits untergraben sie mit ihrer Praxis das Vertrauen in den Rechtsstaat. Wenn selbst SPD-Politiker wie Lange zu dem Schluss kommen, dass die Kirche ihre Grenzen ĂŒberschreitet, sollte das den Verantwortlichen zu denken geben.
Die Debatte um das Kirchenasyl ist letztlich eine Debatte ĂŒber die Grundfesten unseres Rechtsstaats. Darf eine Institution, sei sie noch so ehrwĂŒrdig, sich ĂŒber demokratisch legitimierte Gesetze hinwegsetzen? Die Antwort kann nur ein klares Nein sein. Wer Barmherzigkeit predigt, aber gleichzeitig den Rechtsstaat aushöhlt, schadet am Ende beiden â der Kirche und dem gesellschaftlichen Zusammenhalt.
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