
GrĂŒner Richtungsstreit: Nouripour rechnet mit der eigenen Jugendorganisation ab
Was passiert, wenn eine Partei einen beachtlichen Wahlsieg einfĂ€hrt â und sich anschlieĂend nicht etwa feiert, sondern zerfleischt? Man schaue auf die GrĂŒnen. Kaum hat Cem Ăzdemir in Baden-WĂŒrttemberg mit einem betont bĂŒrgerlichen Wahlkampf stolze 30,2 Prozent eingefahren, bricht hinter den Kulissen ein Machtkampf aus, der es in sich hat. BundestagsvizeprĂ€sident Omid Nouripour hat nun in ungewöhnlich scharfer Form die GrĂŒne Jugend attackiert â und damit einen Nerv getroffen, der weit ĂŒber die Parteigrenzen hinaus schmerzt.
Laute Parolen statt realer Lösungen
Nouripours Diagnose ist so simpel wie vernichtend: Teile der GrĂŒnen Jugend fielen âvor allem mit lauten Parolen" auf, erklĂ€rte er gegenĂŒber dem Spiegel. Wer sich âder Mitte der Gesellschaft verweigert", der wolle âin die Nische" â und dort löse man âkein einziges Problem". Das sitzt. Denn wĂ€hrend die LandesverbĂ€nde in Hessen und Baden-WĂŒrttemberg in Koalitionen mit der CDU pragmatische Regierungsarbeit geleistet und sich im Wahlkampf mit den tatsĂ€chlichen Sorgen der BĂŒrger beschĂ€ftigt hĂ€tten, treibe die Jugendorganisation ideologische BlĂŒten, die mit der LebensrealitĂ€t der Menschen wenig gemein hĂ€tten.
Und tatsĂ€chlich: Noch am Wahlabend, als die Sektkorken in Stuttgart kaum verklungen waren, stellte die GrĂŒne Jugend bereits Bedingungen fĂŒr mögliche Koalitionsverhandlungen auf. Vermögensteuer, Mietendeckel, ein AfD-Verbotsverfahren im Bundesrat â die Wunschliste liest sich wie das Manifest einer sozialistischen Kaderschmiede, nicht wie das Programm einer Partei, die gerade mit einem Kurs der Mitte triumphiert hat.
Der Graben zwischen ParteifĂŒhrung und Jugend wird zum Abgrund
Besonders entlarvend ist ein Detail, das der Vorsitzende der GrĂŒnen Jugend, Luis Bobga, in einem Interview mit der taz preisgab. Auf die Frage, wie oft er sich mit Cem Ăzdemir austausche, antwortete er lapidar: âNoch nie." Noch nie. Man muss sich das auf der Zunge zergehen lassen. Der wahrscheinlich kĂŒnftige MinisterprĂ€sident des wichtigsten grĂŒnen Bundeslandes und der Chef der Nachwuchsorganisation haben offenbar keinerlei GesprĂ€chsebene. Das ist kein Richtungsstreit mehr â das ist eine Beziehungskrise auf offener BĂŒhne.
Bobga rĂ€umte zwar ein, dass man wĂ€hrend des Wahlkampfs auf offene Kritik verzichtet habe. âCem wollte seinen Wahlkampf alleine fĂŒhren und das haben wir ihn machen lassen", sagte er. Ein Schweigegebot habe es nicht gegeben, niemand habe sie gezwungen, âdie Klappe zu halten". Doch kaum war die Wahl gewonnen, brachen alle DĂ€mme. Die Forderung nach einem âentschiedener linken Kurs" steht diametral zu jenem pragmatischen Ansatz, der den GrĂŒnen ĂŒberhaupt erst diesen Erfolg beschert hat.
Ăzdemirs bĂŒrgerlicher Kurs als Blaupause â oder als Ausnahme?
Die zentrale Frage, die sich nun stellt, ist so alt wie die GrĂŒnen selbst: Kann eine Partei, die historisch aus der linken Protestbewegung hervorgegangen ist, dauerhaft in der bĂŒrgerlichen Mitte bestehen? Ăzdemirs Wahlkampf in Baden-WĂŒrttemberg liefert zumindest einen Hinweis darauf, dass es funktionieren kann. Doch ob dieser Kurs Bestand hat, wenn die Jugendorganisation permanent nach links zerrt und Forderungen aufstellt, die selbst manchen Sozialdemokraten die Schamesröte ins Gesicht treiben dĂŒrften, steht auf einem anderen Blatt.
Nouripours Intervention ist dabei mehr als nur ein innerparteilicher Schlagabtausch. Sie offenbart ein Grundproblem, das weit ĂŒber die GrĂŒnen hinausreicht: die zunehmende Entfremdung zwischen politischen Jugendorganisationen und der LebensrealitĂ€t der Bevölkerung. Vermögensteuer und Mietendeckel mögen in universitĂ€ren SeminarrĂ€umen und auf Parteitagen Applaus ernten â in den Wohnzimmern der hart arbeitenden Mittelschicht, die sich fragt, wie sie die nĂ€chste Stromrechnung bezahlen soll, stoĂen solche Forderungen auf blankes UnverstĂ€ndnis.
Ein Symptom der deutschen Politlandschaft
Was bei den GrĂŒnen gerade wie unter einem Brennglas sichtbar wird, ist letztlich ein PhĂ€nomen, das die gesamte deutsche Politik durchzieht. Jugendorganisationen, die sich in ideologischen Echokammern radikalisieren. Parteispitzen, die zwischen Pragmatismus und Basis-Beschwichtigung lavieren. Und eine Bevölkerung, die sich zunehmend fragt, ob irgendjemand in Berlin â oder Stuttgart â ihre tatsĂ€chlichen Probleme noch ernst nimmt.
Die Forderung nach einem AfD-Verbotsverfahren als Koalitionsbedingung ist dabei besonders bezeichnend. Statt sich inhaltlich mit den Ursachen auseinanderzusetzen, warum Millionen Deutsche ihr Kreuz bei der AfD machen â Migrationskrise, Sicherheitsbedenken, wirtschaftlicher Abstieg â, greift man zum Instrument des Verbots. Es ist die politische BankrotterklĂ€rung einer Generation, die Diskurs durch Ausgrenzung ersetzen möchte. Nouripour hat recht: Das löst kein einziges Problem. Es schafft nur neue.
Ob die GrĂŒnen aus diesem Richtungsstreit gestĂ€rkt oder geschwĂ€cht hervorgehen, wird maĂgeblich davon abhĂ€ngen, ob sich der pragmatische FlĂŒgel um Ăzdemir und Nouripour gegen die ideologischen Maximalforderungen der Jugendorganisation durchsetzen kann. Die WĂ€hler in Baden-WĂŒrttemberg haben jedenfalls ein klares Signal gesendet: Sie wollen Lösungen, keine Parolen. Die Frage ist nur, ob die GrĂŒne Jugend bereit ist, diese Botschaft zu hören.










