
Deutschlands Schienenchaos: Wenn Versprechen auf der Strecke bleiben
Die Deutsche Bahn prĂ€sentiert sich einmal mehr als Meisterin der gebrochenen Versprechen. WĂ€hrend zwischen Hamburg und Berlin seit August die ZĂŒge stillstehen und Reisende sich auf monatelange Odysseen einstellen mĂŒssen, offenbart sich das ganze AusmaĂ des deutschen Infrastruktur-Debakels. Was als ambitionierte Generalsanierung verkauft wurde, entpuppt sich als endlose Baustelle ohne erkennbares Konzept.
Das MĂ€rchen von der modernen Bahn
Neun Monate Vollsperrung sollten genĂŒgen, um die Strecke Hamburg-Berlin in eine hochmoderne Magistrale zu verwandeln. Doch kaum hat die Bahn mit groĂem Tamtam die Bauarbeiten begonnen, rudert sie bereits zurĂŒck. Die versprochene digitale Zugsteuerung? Fehlanzeige. Sie komme erst in fĂŒnf Jahren â natĂŒrlich mit neuen Vollsperrungen. Man fragt sich unwillkĂŒrlich, ob bei der Deutschen Bahn ĂŒberhaupt noch jemand weiĂ, was Planung bedeutet.
Besonders bitter trifft es die GĂŒterzugfahrer, deren Fahrzeiten sich von vier auf ĂŒber sieben Stunden verlĂ€ngern. WĂ€hrend in der Schweiz und Ăsterreich die ZĂŒge pĂŒnktlich wie ein Uhrwerk verkehren, versinkt das deutsche Schienennetz im Chaos. Die privaten GĂŒterzugbetreiber, die mittlerweile ĂŒber 60 Prozent Marktanteil erobert haben, fordern zu Recht ein Umdenken. Statt sich auf wenige "Rennstrecken" zu konzentrieren, mĂŒsse endlich das gesamte marode Netz in den Blick genommen werden.
Wenn ZĂŒge Weltreisen machen
Die RealitĂ€t auf Deutschlands Schienen spottet jeder Beschreibung. Das Containertransportunternehmen Metrans berichtet von tĂ€glichen Störungen, die zu absurden Situationen fĂŒhren. Wenn ein GĂŒterzug wegen einer defekten Weiche umdrehen muss, bedeutet das fĂŒr den LokfĂŒhrer mehr als 30 Minuten schweiĂtreibende körperliche Arbeit â fĂŒr jeden einzelnen Richtungswechsel. Die 40 ZĂŒge des Unternehmens legen jĂ€hrlich 100.000 Kilometer an ungeplanten Umwegen zurĂŒck â das entspricht zweieinhalb Weltumrundungen. Und das alles wegen eines Netzes, das an allen Ecken und Enden bröckelt.
Fast tÀglich fÀllt irgendwo eine Oberleitung herunter, klemmt eine Weiche oder ein Stellwerk oder fallen Signale aus.
Die Kostenfalle schnappt zu
WĂ€hrend die Lebenshaltungskosten seit 2015 um 33 Prozent gestiegen sind, haben sich die Baukosten im Bahnsektor glatt verdoppelt. Die Bauindustrie arbeitet am Limit und muss GerĂ€t und Personal aus ganz Europa herankarren. Doch wer soll das bezahlen? Die neue GroĂe Koalition unter Friedrich Merz hatte vollmundig versprochen, keine neuen Schulden zu machen. Stattdessen zaubert man nun ein 500-Milliarden-Euro-Sondervermögen aus dem Hut â eine Mogelpackung, die kĂŒnftige Generationen mit Zinsen und Tilgung belasten wird.
Besonders perfide: Das Versprechen, die Mittel aus dem Sondervermögen zusĂ€tzlich zu den regulĂ€ren Haushaltsmitteln bereitzustellen, wird schamlos gebrochen. Der Bahnetat wurde von 16 Milliarden Euro auf mickrige 2,5 Milliarden zusammengestrichen. Die fehlenden Mittel sollen aus dem Sondervermögen kommen â ein klassisches Nullsummenspiel auf Kosten der Steuerzahler.
Planlos in die Zukunft
WĂ€hrend Ăsterreich und die Schweiz ihre Schienennetze seit Jahren erfolgreich ĂŒber langfristige Infrastrukturfonds finanzieren, herrscht in Berlin Funkstille. Verkehrsminister Patrick Schnieder verspricht fĂŒr September ein "Gesamtkonzept" â man darf gespannt sein, welche Luftschlösser dann prĂ€sentiert werden.
Bahnbau-Professor Christian Böttger von der Berliner HTW bringt es auf den Punkt: Die meisten Verkehrspolitiker seien noch neu und mĂŒssten sich erst einarbeiten. FĂŒr die Haushaltspolitiker gehe es nur ums Geld, und das DB-Management denke hauptsĂ€chlich darĂŒber nach, ob es morgen noch im Amt sei. Von langfristiger Planung keine Spur.
Das Versagen hat System
Die ursprĂŒnglichen PlĂ€ne, bis 2030 die 40 wichtigsten Strecken zu sanieren, sind lĂ€ngst Makulatur. Nun peilt man das Jahr 2035 an â wenn ĂŒberhaupt. Dabei betreffen die Generalsanierungen gerade einmal 15 Prozent des Schienennetzes. Der Rest verfĂ€llt weiter vor sich hin.
Im Juni erreichte die PĂŒnktlichkeit der FernzĂŒge einen neuen Tiefpunkt: Nur noch 62 Prozent kamen halbwegs rechtzeitig an. Das ist keine Verkehrspolitik, das ist organisierte Verantwortungslosigkeit. WĂ€hrend die Politik von KlimaneutralitĂ€t schwadroniert und die BĂŒrger zum Umstieg auf die Bahn drĂ€ngen will, zerfĂ€llt die Infrastruktur vor unseren Augen.
Es rĂ€cht sich bitter, dass jahrzehntelang gespart und verschleppt wurde. Nun steht Deutschland vor einem Scherbenhaufen, der mit Geld allein nicht mehr zu kitten ist. Es fehlt an ArbeitskrĂ€ften, Maschinen und vor allem an einem durchdachten Konzept. Die Deutsche Bahn und ihre politischen Auftraggeber haben es geschafft, aus einem der einst besten Schienennetze Europas eine Lachnummer zu machen. Höchste Eisenbahn wĂ€re es, endlich die Notbremse zu ziehen und grundlegend umzusteuern. Doch dazu mĂŒsste man erst einmal zugeben, dass man auf ganzer Linie versagt hat.
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