
Demokratie nach Gutsherrenart: Strack-Zimmermann will souverÀnem EU-Staat das Stimmrecht entziehen
Man muss sich das einmal auf der Zunge zergehen lassen: Eine deutsche Politikerin fordert allen Ernstes, einem souverĂ€nen europĂ€ischen Mitgliedstaat das Stimmrecht zu entziehen â weil dieser es wagt, eine eigene Meinung zu vertreten. Marie-Agnes Strack-Zimmermann, ihres Zeichens Vorsitzende des EU-Verteidigungsausschusses und bekannt fĂŒr ihre bellizistische Rhetorik, hat im Streit um blockierte Ukraine-Hilfen die Maske fallen lassen. Ungarn solle nicht nur das Stimmrecht entzogen, sondern gleich auch noch âder Geldhahn zugedreht" werden. So klingt es also, wenn selbsternannte Demokraten ĂŒber Demokratie sprechen.
OrbĂĄns Veto als Stein des AnstoĂes
Der Hintergrund: Die EuropĂ€ische Union ist mit ihrem Versuch gescheitert, neue milliardenschwere Hilfen fĂŒr die Ukraine sowie weitere Sanktionen gegen Russland auf den Weg zu bringen. Ungarns MinisterprĂ€sident Viktor OrbĂĄn hat die dafĂŒr notwendigen Entscheidungen blockiert â wie es sein gutes Recht als Regierungschef eines souverĂ€nen EU-Mitgliedstaates ist. Denn das Einstimmigkeitsprinzip im EuropĂ€ischen Rat existiert nicht ohne Grund. Es ist ein fundamentaler Schutzmechanismus fĂŒr kleinere Nationen, damit diese nicht von den GroĂen ĂŒberrollt werden.
Doch statt diese demokratische Grundlage zu respektieren, formiert sich in BrĂŒssel und Berlin eine regelrechte Strafexpedition gegen Budapest. Neben Strack-Zimmermann sprach sich auch der GrĂŒnen-Europaabgeordnete Daniel Freund fĂŒr den Entzug der Stimmrechte aus. Sein Parteikollege Anton Hofreiter forderte, das sogenannte Artikel-7-Verfahren gegen Ungarn voranzutreiben â jenes nukleare Option der EU-VertrĂ€ge, die im Extremfall die Aussetzung sĂ€mtlicher Mitgliedschaftsrechte vorsieht.
Die eigentlichen HintergrĂŒnde werden verschwiegen
Was in der aufgeheizten Debatte geflissentlich unter den Tisch fĂ€llt: Budapest hat durchaus nachvollziehbare GrĂŒnde fĂŒr sein Veto. Ăber die durch die Ukraine verlaufende Druschba-Pipeline werde derzeit kein russisches Ăl mehr geliefert, so die ungarische Regierung. Kiew blockiere den Transit aus politischen GrĂŒnden. Die ukrainische Seite behauptet hingegen, die Lieferungen seien infolge russischer Bombardierungen seit Ende Januar unterbrochen. Wie auch immer die Wahrheit aussehen mag â Ungarn hat ein legitimes Interesse daran, seine Energieversorgung zu sichern. Dass ein Land nicht bereit ist, Milliardenhilfen zu bewilligen, wĂ€hrend es selbst unter den Folgen des Konflikts leidet, dĂŒrfte jedem vernĂŒnftigen Menschen einleuchten.
Auch die Slowakei stellt sich gegen neue Russland-Sanktionen. Der slowakische MinisterprĂ€sident Robert Fico kĂŒndigte sogar an, Notstromlieferungen an die Ukraine einzustellen, sollte der Ăltransit nicht wieder aufgenommen werden. Es handelt sich also keineswegs um einen ungarischen Alleingang, sondern um eine wachsende Skepsis in Mitteleuropa gegenĂŒber einer Politik, die nationale Interessen dem BrĂŒsseler Einheitsbrei opfert.
Geplante Hilfen in schwindelerregender Höhe
Die Dimensionen der geplanten Hilfen sind dabei atemberaubend: Ein Darlehenspaket, das sich bis Ende 2027 auf bis zu 90 Milliarden Euro belaufen sollte, stand zur Debatte. Neunzig Milliarden. WĂ€hrend in Deutschland BrĂŒcken bröckeln, Schulen verfallen und die Infrastruktur auf dem Niveau eines Schwellenlandes angekommen ist, sollen weitere Abermilliarden in ein Fass ohne Boden flieĂen. Stattdessen dĂŒrfte nun lediglich ein Nothilfepaket fĂŒr die ukrainische Energie-Infrastruktur in Höhe von 100 Millionen Euro beschlossen werden â ein Betrag, der keiner ungarischen Zustimmung bedarf.
Das Einstimmigkeitsprinzip als letztes Bollwerk
Die eigentliche Gefahr, die von Strack-Zimmermanns VorstoĂ ausgeht, reicht weit ĂŒber den aktuellen Streit hinaus. Wer heute Ungarn das Stimmrecht entziehen will, weil es unbequeme Positionen vertritt, der wird morgen auch andere Staaten mundtot machen, die nicht auf Linie sind. Das Einstimmigkeitsprinzip ist kein lĂ€stiges Relikt vergangener Zeiten â es ist der letzte Schutzwall gegen eine BrĂŒsseler Zentralisierung, die nationale SouverĂ€nitĂ€t zur Folklore degradiert.
Es ist bezeichnend, dass ausgerechnet jene Politiker, die bei jeder Gelegenheit âeuropĂ€ische Werte" und âDemokratie" im Munde fĂŒhren, als erste bereit sind, demokratische Grundprinzipien ĂŒber Bord zu werfen, wenn ihnen das Ergebnis nicht passt. Viktor OrbĂĄn mag vielen in BrĂŒssel ein Dorn im Auge sein. Doch er tut nichts anderes, als die Interessen seines Landes zu vertreten â genau das, wofĂŒr er von seinen BĂŒrgern gewĂ€hlt wurde. Dass dies in den Augen einer Strack-Zimmermann offenbar ein Vergehen darstellt, sagt mehr ĂŒber den Zustand der europĂ€ischen Demokratie aus als ĂŒber Ungarn.
Die Auseinandersetzung wirft eine Grundsatzfrage auf, die weit ĂŒber den Ukraine-Konflikt hinausreicht: Ist die EU noch ein Bund souverĂ€ner Staaten â oder lĂ€ngst ein Konstrukt, in dem Abweichler bestraft werden, bis sie kuschen? Die Antwort auf diese Frage wird ĂŒber die Zukunft Europas entscheiden. Und sie fĂ€llt derzeit nicht zugunsten der Demokratie aus.










