
Zinswende rückwärts: Wenn die Fed plötzlich wieder anziehen will, während der Arbeitsmarkt bröckelt

An den amerikanischen Anleihemärkten herrscht diese Woche jene Sorte nervöser Ruhe, die erfahrene Marktbeobachter mehr beunruhigt als jeder Kurssturz. Die Renditen der US-Staatsanleihen traten am Mittwoch auf der Stelle – und das, obwohl gleich zwei Nachrichten aufeinanderprallten, die schwerlich zusammenpassen: Ein Notenbanker, der offen über Zinserhöhungen nachdenkt, und Arbeitsmarktdaten, die den Eindruck einer robusten Konjunktur gründlich zerlegen.
Die zehnjährige Benchmark-Anleihe, Referenzgröße für Hypotheken, Autokredite und Kreditkartenschulden in den USA, notierte einen Basispunkt höher bei 4,637 Prozent. Die dreißigjährige Anleihe, traditionell besonders empfindlich gegenüber geopolitischen Verwerfungen, gab minimal nach auf 5,185 Prozent. Und die zweijährige Papiere, die am unmittelbarsten auf Fed-Entscheidungen reagieren, kletterten um mehr als zwei Basispunkte auf 4,221 Prozent. Zur Erinnerung: Renditen und Kurse bewegen sich stets gegenläufig. Wer also glaubt, mit Anleihen einen sicheren Hafen gefunden zu haben, sollte sich diesen Mechanismus gut einprägen.
Kashkari will hoch – und begründet es mit Rekordgewinnen
Für den eigentlichen Aufreger sorgte Neel Kashkari, Präsident der Federal Reserve Bank von Minneapolis. Die Notenbank solle beginnen, die Zinsen wieder anzuheben, ließ er wissen – möglicherweise bereits im September. Seine Begründung liest sich wie ein Loblied auf die eigene Wirtschaft:
Die Unternehmensgewinne durch die Decke, der Verbraucher hält sich, der Arbeitsmarkt hält sich – wo also, so Kashkari, sei die Evidenz dafür, dass die Geldpolitik derzeit besonders restriktiv wirke?
Ein bemerkenswerter Satz. Denn wenige Stunden später lieferte der Lohnabrechnungsdienstleister ADP Zahlen, die genau diese Erzählung untergraben. Im Juli entstanden in der US-Privatwirtschaft lediglich 44.000 neue Stellen. Im Juni waren es – nach Abwärtsrevision – noch 95.000. Erwartet hatten Volkswirte 75.000. Wer hier von einem Arbeitsmarkt spricht, der sich „hält", hat entweder eine bemerkenswert optimistische Definition von Stabilität oder ein Interesse daran, die Geldpolitik zu straffen, bevor die Daten dagegen sprechen.
Freitag wird zur Stunde der Wahrheit
Am Freitag folgt der offizielle Arbeitsmarktbericht des Bureau of Labor Statistics. Die Konsensschätzung liegt bei 83.000 zusätzlichen Stellen, die Arbeitslosenquote soll unverändert bei 4,2 Prozent verharren. Sollte auch dieser Bericht enttäuschen, dürfte Kashkaris Vorstoß rasch zur geldpolitischen Fußnote verkommen. Es wäre nicht das erste Mal, dass Notenbanker ihre eigene Lagebeurteilung binnen Wochen kassieren müssten – man erinnere sich an das legendäre Märchen von der „vorübergehenden" Inflation, das uns die Zentralbanken beiderseits des Atlantiks über Monate hinweg erzählten, während die Kaufkraft der Bürger dahinschmolz.
Hormus als Joker – und als Risiko
Parallel starrt der Markt auf die Straße von Hormus. US-Finanzminister Scott Bessent hatte am Dienstag angedeutet, ein Abkommen zur freien Passage von Handelsschiffen könne noch in dieser Woche zustande kommen. Die Reaktion war heftig: Die Renditen amerikanischer Staatsanleihen brachen ein, der Ölpreis stürzte um knapp sechs Prozent. Später erklärte das US-Zentralkommando die südliche Route der Meerenge für „frei und offen". Am Mittwoch erholten sich die Notierungen wieder leicht – WTI für Septemberlieferung bei rund 76 Dollar, Brent bei etwa 80 Dollar.
Damit hängt die Inflationsentwicklung der größten Volkswirtschaft der Welt an einer Meerenge im Persischen Golf. Das ist die eigentliche Botschaft dieser Woche. Und es ist eine Botschaft, die auch in Berlin gehört werden sollte, wo man Energieversorgung noch immer als moralische Frage behandelt statt als Frage nationaler Sicherheit. Während Washington Handelsrouten militärisch sichert, diskutiert man hierzulande über Heizungsgesetze, Klimaneutralität im Grundgesetz und ein 500-Milliarden-Euro-Schuldenpaket, das kommende Generationen über Steuern und Abgaben abzustottern haben – von einem Kanzler beschlossen, der im Wahlkampf noch das Gegenteil versprach.
Was der Anleger daraus mitnehmen kann
Die Lehre ist unbequem, aber schlicht: Zinsen, Anleihekurse, Ölpreise und damit letztlich die Kaufkraft des Geldes hängen an politischen Entscheidungen, geopolitischen Zufällen und den Stimmungsschwankungen einzelner Notenbanker. Wer sein Vermögen ausschließlich in Papierwerten hält, deren Wert vom Vertrauen in Institutionen abhängt, trägt ein Risiko, das in keiner Renditetabelle auftaucht. Physische Edelmetalle kennen weder Basispunkte noch Sitzungsprotokolle. Gold und Silber sind seit Jahrtausenden das, was sie sind – und genau darin liegt ihre Stärke als Fundament eines breit gestreuten, krisenfesten Portfolios.
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