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11.02.2026
11:20 Uhr

Washingtons Diktat: Selenskyj soll unter Kriegsbedingungen Wahlen abhalten – oder die Sicherheitsgarantien sind futsch

Was sich derzeit zwischen Washington und Kiew abspielt, hat mit souverĂ€ner Demokratie nur noch wenig zu tun. Es gleicht eher einem politischen Erpressungsszenario, das seinesgleichen sucht. Wie die Financial Times unter Berufung auf ukrainische und westliche Regierungsvertreter berichtet, plant der ukrainische PrĂ€sident Wolodymyr Selenskyj, am 24. Februar – dem vierten Jahrestag der russischen Invasion – sowohl PrĂ€sidentschaftswahlen als auch ein Referendum ĂŒber ein mögliches Friedensabkommen mit Russland anzukĂŒndigen. Der Grund? Massiver Druck aus dem Weißen Haus.

Trumps Ultimatum: Wahlen bis Mai – oder keine Garantien

Die Trump-Regierung habe Kiew unmissverstĂ€ndlich signalisiert, dass beide Abstimmungen bis zum 15. Mai ĂŒber die BĂŒhne gehen mĂŒssten. Andernfalls könnten die angebotenen US-Sicherheitsgarantien schlicht entfallen. Washington wolle die Friedensverhandlungen bis Juni abschließen – nicht etwa aus humanitĂ€ren ErwĂ€gungen, sondern um sich rechtzeitig auf die US-Zwischenwahlen im November konzentrieren zu können. Der amerikanische Wahlkampfkalender bestimmt also den Takt eines europĂ€ischen Krieges. Man muss sich das auf der Zunge zergehen lassen.

„Sie sagen, dass sie alles bis Juni erledigen wollen, damit der Krieg endet", erklĂ€rte Selenskyj vergangene Woche gegenĂŒber Journalisten. Ein Satz, der in seiner nĂŒchternen Schlichtheit die ganze AbsurditĂ€t der Lage offenbart. Ein Krieg, der Hunderttausende Menschenleben gefordert hat, soll nach dem Terminkalender einer US-Administration beendet werden.

Eine 180-Grad-Wende unter Zwang

Noch im Dezember hatte Selenskyj erstmals vorsichtig angedeutet, er sei bereit, Wahlen abzuhalten – sofern deren Sicherheit gewĂ€hrleistet werden könne. Zuvor hatte er stets betont, dass Abstimmungen unter geltendem Kriegsrecht schlicht unmöglich seien. Millionen Ukrainer sind vertrieben, rund 20 Prozent des Staatsgebiets befinden sich unter russischer Besatzung. Die Ukraine hĂ€tte eigentlich bereits im FrĂŒhjahr 2024 eine PrĂ€sidentschaftswahl abhalten sollen, doch das nach dem russischen Angriff verabschiedete Kriegsrechtsgesetz verbietet jegliche Wahlen bis zu dessen Aufhebung.

Nun soll das ukrainische Parlament im MĂ€rz und April die rechtlichen Grundlagen schaffen, um Wahlen unter Kriegsbedingungen zu ermöglichen. Ein parlamentarischer Kraftakt in Rekordzeit – und das mitten im Krieg. Dass dies demokratischen Standards genĂŒgen könnte, darf bezweifelt werden.

Experten schlagen Alarm

Die Bedenken der Fachleute sind erheblich. Olha Aiwasowska, Vorsitzende der Kiewer Denkfabrik OPORA, bezeichnete sechs Monate Vorbereitungszeit als „nicht das Maximum, sondern das Minimum". Ohne einen Waffenstillstand könnte Russland die Abstimmung mĂŒhelos torpedieren – allein durch die allgegenwĂ€rtigen Drohnen, die Wahllokale in der gesamten Ukraine bedrohen wĂŒrden. „Es hat noch nie eine solche Situation gegeben. Das ist völlig beispiellos", warnte die Wahlexpertin.

Auch Kiews BĂŒrgermeister Vitali Klitschko fand deutliche Worte: Politischer Wettbewerb wĂ€hrend des Krieges sei schlecht. Man könne das Land von innen heraus zerstören – und genau das sei Russlands Ziel. Eine EinschĂ€tzung, die man nicht leichtfertig vom Tisch wischen sollte.

Der Preis des Friedens: Abtretung des Donbass?

Was bei all dem diplomatischen Getöse fast untergeht, ist der eigentliche Kern des Deals. Die US-Sicherheitsgarantien seien demnach an ein umfassendes Friedensabkommen geknĂŒpft, das wahrscheinlich die Abtretung der Donbass-Region an Russland beinhalten wĂŒrde. Selenskyj hat Gebietsabtretungen bislang strikt abgelehnt. Russland wiederum besteht auf seinen maximalen Forderungen, einschließlich der vollstĂ€ndigen Kontrolle ĂŒber den Donbass.

Hier offenbart sich das ganze Dilemma: Ein Referendum ĂŒber ein Friedensabkommen, das de facto die Aufgabe ukrainischen Territoriums bedeuten könnte, soll unter Kriegsbedingungen stattfinden – mit Millionen Vertriebenen, die möglicherweise gar nicht abstimmen können. FĂŒr eine internationale Anerkennung der Wahlergebnisse mĂŒsste mindestens die HĂ€lfte der vor dem Krieg registrierten WĂ€hler teilnehmen. Wie das unter den gegebenen UmstĂ€nden gelingen soll, bleibt ein RĂ€tsel.

Europas Versagen wird einmal mehr sichtbar

Was dieser Vorgang vor allem zeigt: Europa ist in dieser Krise zum Zuschauer degradiert worden. WĂ€hrend Washington den Takt vorgibt und Moskau seine Maximalforderungen aufrechterhĂ€lt, steht die EU am Spielfeldrand und ringt die HĂ€nde. Die europĂ€ische Sicherheitsarchitektur, von der in BrĂŒssel so gerne geschwĂ€rmt wird, erweist sich einmal mehr als Luftschloss. Statt eigene Initiativen zu entwickeln und eine starke Verhandlungsposition aufzubauen, hat man sich in jahrelanger sicherheitspolitischer NaivitĂ€t geĂŒbt – und zahlt nun den Preis dafĂŒr.

Auch Deutschland, das unter der neuen Großen Koalition von Friedrich Merz zwar rhetorisch eine hĂ€rtere Gangart eingeschlagen hat, bleibt in der Praxis ein Getriebener. Das 500-Milliarden-Euro-Sondervermögen fließt in Infrastruktur, nicht in eine eigenstĂ€ndige europĂ€ische VerteidigungsfĂ€higkeit, die den Kontinent unabhĂ€ngiger von amerikanischen Launen machen wĂŒrde. Man fragt sich unwillkĂŒrlich: Wann begreifen die europĂ€ischen HauptstĂ€dte endlich, dass Sicherheit nicht zum Nulltarif zu haben ist und schon gar nicht von einem transatlantischen Partner, der seine PrioritĂ€ten ganz offensichtlich nach dem eigenen Wahlkalender setzt?

Die kommenden Wochen werden zeigen, ob Selenskyj diesen beispiellosen Spagat zwischen amerikanischem Druck, russischer Aggression und demokratischer LegitimitĂ€t tatsĂ€chlich bewĂ€ltigen kann. Die Chancen stehen, gelinde gesagt, nicht gut. Doch eines steht bereits jetzt fest: Was hier geschieht, ist kein Triumph der Demokratie – es ist ihre Instrumentalisierung fĂŒr geopolitische Interessen.

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