Kettner Edelmetalle
22.01.2026
16:28 Uhr

Trumps Provokationen schweißen Kanada zusammen: Carney erntet Standing Ovations in Davos

Was für ein bemerkenswertes Schauspiel auf der Weltbühne: Während US-Präsident Donald Trump mit KI-generierten Bildern von Kanada unter amerikanischer Flagge provoziert und das Nachbarland als Vasallenstaat verhöhnt, wächst nördlich der Grenze der Widerstand. Premierminister Mark Carney hat in Davos eine Rede gehalten, die ihm nicht nur stehende Ovationen einbrachte, sondern auch die gespaltene kanadische Gesellschaft zumindest vorübergehend zu einen scheint.

Eine Rede, die Geschichte schreiben könnte

Carney, der ehemalige Zentralbanker, der im vergangenen April die Nachfolge von Justin Trudeau antrat, fand beim Weltwirtschaftsforum deutliche Worte. Er rief die Nationen dazu auf, zu akzeptieren, dass eine regelbasierte Weltordnung der Vergangenheit angehöre. Kanada solle als Beispiel dafür dienen, wie "mittlere Mächte" gemeinsam handeln könnten, um nicht Opfer amerikanischer Hegemonie zu werden.

"Wenn die Regeln dich nicht mehr schützen, musst du dich selbst schützen. Mittlere Mächte müssen zusammenarbeiten, denn wenn du nicht am Tisch sitzt, stehst du auf der Speisekarte."

Diese Worte, die Carney laut seinem Büro selbst verfasst haben soll, trafen offenbar einen Nerv. Die Reaktion aus Washington ließ nicht lange auf sich warten. Trump konterte barsch, Kanada "lebe nur wegen der Vereinigten Staaten", und ermahnte Carney direkt, sich an die frühere amerikanische Großzügigkeit zu erinnern.

Trumps Annexionsphantasien und die kanadische Antwort

Seit Trump nach seinem Wahlsieg 2024 erstmals damit drohte, Kanada zum 51. Bundesstaat der USA zu machen, haben die Kanadier ihre Reisen in die Vereinigten Staaten drastisch reduziert. Amerikanischer Alkohol wird boykottiert, kanadische Produkte werden bevorzugt gekauft. Es ist eine stille, aber wirksame Form des Widerstands, die sich da formiert hat.

Die pensionierte Sportlerin Ann Peel brachte es auf den Straßen Torontos auf den Punkt: Trump sei "ein großer Tyrann", und Carneys Rede sei deshalb so kraftvoll gewesen, weil sie eine fundamental andere Weltsicht als die der USA artikuliere. "Wir werden uns nicht einfach umdrehen, nur weil die Vereinigten Staaten das wollen", sagte sie mit bemerkenswerter Entschlossenheit.

Überraschende Einigkeit über Parteigrenzen hinweg

Was politische Beobachter besonders aufhorchen lässt: Carneys Rede findet Zustimmung weit über die Grenzen seiner liberalen Partei hinaus. James Moore, ein ehemaliger Industrieminister unter dem konservativen Premierminister Stephen Harper, forderte seine Landsleute auf, "heute die parteiischen Schwerter niederzulegen" und der Rede zuzuhören.

Selbst die konservative Abgeordnete Michelle Rempel Garner aus Alberta lobte Carney dafür, "die harten Realitäten eines zerbrochenen geopolitischen Systems" benannt zu haben. Sie forderte ihn allerdings auch auf, den Worten Taten folgen zu lassen – eine berechtigte Mahnung, denn trotz aller markigen Worte hat Carney bislang kein Handelsabkommen mit den USA zustande gebracht.

Die Grenzen der Konfrontation

Bei aller Rhetorik zeigt sich auch die Verwundbarkeit der kanadischen Position. Carney hat bereits eine Digitalsteuer fallen lassen, um Handelsverhandlungen mit den USA wieder aufzunehmen, und sich für eine kanadische Werbung entschuldigt, die Trump verärgert hatte. Die wirtschaftliche Abhängigkeit vom südlichen Nachbarn bleibt erdrückend, auch wenn Carney vergangene Woche ein Handelsabkommen mit China abschloss und neue Partnerschaften im Nahen Osten suchte.

Laura Stephenson, Professorin für Politikwissenschaft an der University of Western Ontario, warnt vor übertriebener Euphorie. Wer persönlich vom Handelsabkommen CUSMA betroffen sei, das dieses Jahr zur Überprüfung ansteht, könnte angesichts der Entwicklungen "sehr aufgebracht und ängstlich" sein.

Ein Lehrstück für Europa?

Die kanadische Reaktion auf Trumps Drohgebärden könnte durchaus als Blaupause für andere Nationen dienen, die sich amerikanischem Druck ausgesetzt sehen. Während in Europa noch darüber debattiert wird, wie man mit dem unberechenbaren US-Präsidenten umgehen soll, zeigt Kanada, dass entschlossener Widerstand zumindest innenpolitisch Früchte tragen kann. Carneys Zustimmungswerte liegen konstant über 50 Prozent, und aktuelle Umfragen sehen ihn mit 22 Punkten Vorsprung vor dem konservativen Oppositionsführer Pierre Poilievre.

Jack Cunningham, Professor für internationale Beziehungen an der Universität Toronto, bringt die Stimmung auf den Punkt: "Lange Zeit hat jeder andere Führer versucht, Trump zu behandeln wie einen schwierigen Großvater, den man managen muss." Nun gebe es unter Kanadiern ein Gefühl des Stolzes, dass Carney der Anführer sei, der es gewagt habe, Trump die Stirn zu bieten. "Wir hoffen nur, dass wir jetzt nicht mehr allein sind."

Diese Hoffnung richtet sich zweifellos auch an Europa – und an alle anderen Nationen, die sich fragen, wie lange sie Trumps Zolldrohungen und Annexionsphantasien noch stillschweigend hinnehmen wollen.

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