
Poker um den UN-Chefsessel: Wer beerbt AntĂłnio Guterres?

Die Vereinten Nationen suchen einen neuen Chef, und die Entscheidung fällt ohne jede Öffentlichkeit. Sieben Bewerber sind offiziell noch dabei, wenn es um die Nachfolge von Generalsekretär António Guterres geht. Nach zehn Jahren im Amt tritt der Portugiese zum 31. Dezember 2026 ab. Am 1. Januar 2027 soll sein Nachfolger oder seine Nachfolgerin übernehmen. Zwei Frauen liegen derzeit vorn.
Mit der jetzt zu Ende gehenden UN-Woche in New York tagte die Generalversammlung zum letzten Mal unter Guterres. Was er hinterlässt? Nach Ansicht vieler Kritiker eine Weltorganisation, die zwischen Ukraine-Krieg und Nahost-Eskalation oft nur noch mahnen, aber kaum noch handeln konnte.
Das Bewerberfeld: Lateinamerika dominiert
Auf der offiziellen Kandidatenliste stehen Rebeca Grynspan (Costa Rica), Carolyn Rodrigues Birkett (Guyana), Rafael Grossi (Argentinien), MarĂa Fernanda Espinosa und Ivonne A-Baki (beide Ecuador), Macky Sall (Senegal) und Olara Otunnu (Uganda). Chiles frĂĽhere Präsidentin Michelle Bachelet hat ihre Bewerbung im September zurĂĽckgezogen. Berichten zufolge hatte sie in der dritten Probeabstimmung nur eine einzige unterstĂĽtzende Stimme bekommen.
Vier der sieben Bewerber sind Frauen. In über 80 Jahren UN-Geschichte haben neun Männer das Amt ausgeübt, eine Frau noch nie. Auffällig ist auch die Herkunft: Viele Kandidaten kommen aus Lateinamerika und der Karibik. Aus dieser Region hat bisher nur der Peruaner Javier Pérez de Cuéllar die UN geführt (1982 bis 1991). Eine regionale Rotation gilt als Tradition, verpflichtend ist sie aber nicht.
Die Favoriten im Schnellcheck
- Rebeca Grynspan: Ökonomin, früher Vizepräsidentin Costa Ricas, heute Chefin der UN-Handels- und Entwicklungsorganisation UNCTAD.
- Carolyn Rodrigues Birkett: FrĂĽhere AuĂźenministerin Guyanas, seit 2020 UN-Botschafterin ihres Landes.
- Rafael Grossi: Argentinischer Diplomat, seit 2019 Chef der Internationalen Atomenergiebehörde IAEA. Im Atomstreit mit dem Iran stand er zuletzt oft im Rampenlicht.
- Macky Sall: Von 2012 bis 2024 Präsident Senegals, danach Vorsitzender der Afrikanischen Union. Er wirbt für eine Reform des Sicherheitsrats.
Geheime Probeabstimmungen
Die 193 Mitgliedstaaten wählen den Generalsekretär nicht direkt. Laut Artikel 97 der UN-Charta ernennt ihn die Generalversammlung, und zwar erst auf Empfehlung des Sicherheitsrats. Die eigentliche Entscheidung fällt in den sogenannten Straw Polls. Das sind geheime Probeabstimmungen, bei denen die 15 Ratsmitglieder einen Kandidaten „ermutigen“, „entmutigen“ oder sich enthalten.
Wer gewinnen will, braucht mindestens neun Ja-Stimmen und darf von keiner der fünf Vetomächte USA, China, Russland, Frankreich und Großbritannien blockiert werden. Dass ein Veto tödlich ist, zeigte 1996 Boutros Boutros-Ghali: Die USA verhinderten damals im Alleingang seine zweite Amtszeit.
Die Zahlen: ein Kopf-an-Kopf-Rennen
Am 30. Juli lag Grynspan mit zehn Ja-Stimmen vorn, Rodrigues Birkett kam auf neun, Grossi auf sieben. Am 21. August fĂĽhrte Rodrigues Birkett mit acht Stimmen. Grynspan und Grossi hatten jeweils sieben. In der dritten Runde am 18. September holte Grynspan die FĂĽhrung mit neun Stimmen zurĂĽck, knapp vor Rodrigues Birkett mit acht. Grossi, Sall und Otunnu kamen auf je fĂĽnf.
Einen Haken gibt es allerdings. Laut Berichten, die sich auf Diplomaten berufen, sprachen sich fünf Ratsmitglieder gegen Grynspan aus. Womöglich waren China und Russland darunter. Ob Vetomächte mit Nein gestimmt haben, zeigt sich erst, wenn der Rat Stimmzettel in verschiedenen Farben einsetzt. Neun Stimmen nützen nichts, wenn Peking oder Moskau am Ende blockieren.
Und Deutschland? Sitzt am Rand
Eine Deutsche spielt immerhin eine formale Rolle: Annalena Baerbock hat das Verfahren im November 2025 als Präsidentin der Generalversammlung mit eröffnet. Über den Sieger entscheiden aber allein die Vetomächte. Der Umgang mit dem Auswahlverfahren zeigt, wie wenig Gewicht Berlin am East River tatsächlich hat.
Wer das Rennen macht, ist offen. Weitere Kandidaten können dazukommen, andere können aufgeben. Klar ist nur: Die neue Spitze übernimmt eine Weltorganisation, deren Einfluss schwindet, während die Krisen zunehmen.
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