
Lufthansa im Sturzflug: Gewinn halbiert, Cityline gekappt – und der Aktionär zahlt die Rechnung

Es gibt Jubiläen, die man lieber nicht feiert. Im April hatte Europas größter Luftfahrtkonzern noch das hundertjährige Bestehen seiner Vorgängergesellschaft begangen – mit Reden, Nostalgie und dem üblichen Pathos. Nur wenige Wochen später bleibt von der Feierlaune wenig übrig: Der um Sonderposten bereinigte operative Gewinn ist im zweiten Quartal um 56 Prozent auf 383 Millionen Euro eingebrochen, der Überschuss – auch wegen eines Steuereffekts im Vorjahr – gar um 88 Prozent auf 123 Millionen Euro. Selbst die ohnehin nicht überschwänglichen Analystenschätzungen wurden verfehlt. Vorbörslich rauschte das Papier auf Tradegate um 4,5 Prozent auf 8,82 Euro nach unten.
Von "deutlich übertreffen" zu "vielleicht weniger"
Noch vor kurzem wollte Konzernchef Carsten Spohr den Vorjahresgewinn von 1,96 Milliarden Euro trotz explodierender Treibstoffkosten "deutlich" hinter sich lassen. Jetzt lautet die Bandbreite für 2026 nur noch 1,7 bis 2,2 Milliarden Euro. Übersetzt: Ein Gewinnrückgang gilt plötzlich als realistische Möglichkeit. Wer aus dieser Prognosespanne noch Zuversicht destillieren will, braucht viel guten Willen.
Die Ursachen sind schnell benannt und dennoch selten zusammenhängend erzählt. Der Krieg gegen den Iran hat die Kerosinpreise nach oben katapultiert. Wer Flugzeuge betreibt, kauft nicht nur Blech und Personal, sondern in erster Linie Energie. Und Energie ist in einer Welt geopolitischer Dauerbrände kein kalkulierbarer Kostenblock mehr, sondern ein Würfelspiel.
Ein Konzern, dessen wichtigster Rohstoff von Raketen über dem Persischen Golf bepreist wird, ist kein Sparbuch – sondern ein Risikopapier.
Streik, Stilllegung, Strukturbruch
Hinzu kommt der Arbeitskampf. Piloten und Flugbegleiter der deutschen Kerngesellschaft legten den Betrieb teilweise lahm. Es geht, wie so oft, um die Zukunft von Arbeitsplätzen, die seit Jahren unter Kostendruck stehen. Das Management will Flugzeuge – und damit Jobs – in günstigere Konzerngesellschaften verlagern. Mitten in diese Auseinandersetzung platzte das Ende der Regionaltochter Lufthansa Cityline: rund 1.300 Beschäftigte, zu teuer, viele Strecken durch das Kerosin unrentabel. Bis Oktober fallen etwa 20.000 Flüge weg.
Man muss kein Gewerkschaftsfreund sein, um hier ein Muster zu erkennen: Deutschland als Luftfahrtstandort wird schrittweise ausgedünnt. Standortkosten, Luftverkehrsteuer, Gebührenlast, klimapolitische Zusatzbelastungen – das alles fällt nicht vom Himmel, sondern ist politisch gemacht. Wer jahrelang jede Belastung als "Transformation" verkauft, darf sich nicht wundern, wenn Arbeitsplätze dorthin wandern, wo weniger draufgesattelt wird.
Was Anleger daraus lernen könnten
JPMorgan hat die Einstufung mit einem Kursziel von acht Euro auf "Neutral" belassen und rechnet mit Kursschwäche. Bemerkenswert ist weniger das Urteil als die Lehre: Aktien zyklischer, energieabhängiger, politisch überregulierter Branchen sind kein Fundament für Vermögenssicherung. Sie sind eine Wette – auf Ölpreise, auf Tarifrunden, auf das Ausbleiben von Kriegen. Wer Substanz sucht, findet sie eher in Werten, die keine Gewinnwarnung kennen, weil sie keinen Gewinn versprechen müssen: physisches Gold und Silber taumeln nicht, wenn Piloten streiken oder Kerosin teurer wird. Sie sind schlicht da – seit Jahrtausenden, ohne Vorstandsprognose.
Haftungsausschluss: Dieser Beitrag stellt keine Anlage-, Steuer- oder Rechtsberatung dar und gibt ausschließlich die Einschätzung unserer Redaktion auf Basis der uns vorliegenden Informationen wieder. Jede Kapitalanlage ist mit Risiken bis zum Totalverlust verbunden. Kurse können steigen und fallen. Leser sind verpflichtet, eigene Recherchen anzustellen und im Zweifel qualifizierte Fachleute hinzuzuziehen. Für Anlageentscheidungen und deren Folgen trägt jeder Anleger selbst die Verantwortung.










