
Chemie-Poker um Evonik: Kostet der BASF-Coup Tausende NRW-Jobs?

Der weltgrößte Chemiekonzern BASF will Evonik schlucken, die Nummer zwei der deutschen Chemie. Am Montag lag das erste formelle Angebot auf dem Tisch: 22,15 Euro je Evonik-Aktie, insgesamt Medienberichten zufolge rund 10,3 Milliarden Euro. Die Essener lehnten ab. Das Ringen hat damit aber erst begonnen, und am Ende könnten Tausende Beschäftigte in Nordrhein-Westfalen die Rechnung bezahlen.
Erst das Interesse, dann die Abfuhr
Am vergangenen Freitag räumte BASF erstmals ein, sich mit einer Übernahme zu beschäftigen. Die Evonik-Aktie sprang daraufhin laut Berichten um mehr als neun Prozent nach oben. Drei Tage später kam die Offerte. Evonik und nach Medienberichten auch der Großaktionär RAG-Stiftung hielten sie für unzureichend.
Aufgeben dürften die Ludwigshafener nicht. Einzelne Berichte bringen bereits ein erhöhtes Angebot von bis zu 24 Euro je Aktie ins Spiel. Bestätigt ist das nicht. Klar ist nur, dass BASF es ernst meint.
Die Stiftung mit der Politik im Kuratorium
An dieser Stelle wird es heikel. Die RAG-Stiftung hält Berichten zufolge rund 43 Prozent an Evonik. Aus ihrem Vermögen werden die Ewigkeitslasten des deutschen Steinkohlebergbaus bezahlt, also etwa das Abpumpen von Grubenwasser im Ruhrgebiet. In ihrem Kuratorium sitzen Bundes- und Landespolitiker, darunter NRW-Ministerpräsident Hendrik Wüst (CDU). Der muss sich im kommenden Jahr der Landtagswahl stellen.
Soll ein Wahlkämpfer mit darüber entscheiden, ob in seinem Bundesland Tausende Industriejobs verschwinden? Unabhängig wirkt das nicht. Mit am Tisch sitzt außerdem IGBCE-Chef Michael Vassiliadis, der bereits abgewunken hat. Größe allein bringe nichts, erklärte er sinngemäß. Weiter sagte er:
„Für die Beschäftigten und Standorte von BASF wie von Evonik braucht es vielmehr Zukunftsperspektiven und Investitionszusagen.“
Beide Konzerne sollten sich nach seiner Ansicht davor hüten, die laufenden Sparprogramme noch weiter zu verschärfen.
Marl und Essen im Fadenkreuz
Evonik beschäftigt in Deutschland schätzungsweise 20.000 Menschen, BASF knapp 50.000. Übernahmen rechnen sich in der Regel durch Synergien, also durch das Streichen doppelter Strukturen. Meist trifft das den übernommenen Partner. Aus Beraterkreisen heißt es, bis zu 3.000 Evonik-Stellen in Deutschland könnten wegfallen. Das käme zu den 3.200 Stellen hinzu, deren Abbau Evonik erst vor wenigen Tagen angekündigt hat.
Als besonders gefährdet gelten zwei Standorte:
- Marl: Dort stellt Evonik Hochleistungskunststoffe und Additive her, ganz ähnlich wie BASF in Ludwigshafen.
- Essen: Betroffen wären die Konzernzentrale und das Werk an der Goldschmidtstraße, in dem Spezialchemikalien für Konsumgüter entstehen.
Auf den Prüfstand kämen auch Dossenheim, Hanau, Wesseling und Rheinfelden. Die Berater erwarten jährliche Einsparungen von rund 300 Millionen Euro, und zwar überwiegend in Deutschland.
Strategisch schlüssig, für Kartellwächter ein Prüffall
Rein industriell ergibt der Deal Sinn. BASF liefert zum Beispiel den Grundstoff für Polyurethan-Schäume in Autositzen und Matratzen, Evonik die Additive, die den Schaum stabil halten. Bei Futtermittelzusätzen treffen die Vitamine von BASF auf die Enzyme von Evonik. Nach Berichten der Financial Times will BASF sich so auch gegen die immer stärkere Konkurrenz aus China wappnen.
Gerade diese Ergänzung dürfte die Wettbewerbshüter aber auf den Plan rufen. Ein fusionierter Riese könnte Konkurrenten den Zugang zu wichtigen Zusatzstoffen erschweren. Im Raum steht deshalb, dass einzelne Sparten abgegeben werden müssen. Interessenten wie Lanxess, Clariant oder Arkema stünden wohl bereit.
Warum der Deal ein Alarmsignal ist
Eine Fusion aus Stärke sieht anders aus. Zwei Traditionskonzerne, die beide gerade Stellen abbauen, schließen sich zusammen, weil der Standort Deutschland mit hohen Energiekosten und ausufernder Regulierung kaum noch Wachstum zulässt. Für die Chemie ist das ein Alarmsignal, und Berlin sollte es nicht überhören.
Hinweis: Dieser Beitrag ist keine Anlageberatung und keine Aufforderung zum Kauf oder Verkauf von Wertpapieren. Jeder Anleger sollte selbst recherchieren und trägt die Verantwortung für seine Anlageentscheidungen allein.










