
Berliner Nahverkehr vor dem Kollaps: Gewerkschaften drohen mit Winterstreiks

Die Hauptstadt steht vor einem verkehrspolitischen Desaster. WĂ€hrend Schnee und Eis die StraĂen bereits in ein Chaos verwandeln könnten, bahnt sich bei den Berliner Verkehrsbetrieben ein Tarifkonflikt an, der das öffentliche Leben in der Metropole zum Erliegen bringen könnte. Die Gewerkschaft Verdi hat die Kampfansage bereits formuliert: Eine Eskalation sei nicht ausgeschlossen.
Verhandlungsauftakt mit verhÀrteten Fronten
Am Dienstag trafen sich die Delegationen der BVG und Verdi beim Kommunalen Arbeitgeberverband in der Charlottenburger GoethestraĂe zur ersten Verhandlungsrunde. Was als formaler Auftakt geplant war, zog sich weit in den Nachmittag hinein. Von konstruktiven GesprĂ€chen könne keine Rede sein, so der Tenor beider Seiten. Die BVG machte unmissverstĂ€ndlich klar, dass jede Verbesserung gegenfinanziert werden mĂŒsse â ein deutliches Signal an die Gewerkschaft, dass die Zeiten ĂŒppiger ZugestĂ€ndnisse vorbei sein könnten.
Jenny Zeller-Grothe, VorstÀndin Betrieb und Personal bei der BVG, betonte zwar das Streben nach fairen und nachhaltigen Lösungen. Doch hinter den diplomatischen Floskeln verbirgt sich ein handfester Interessenkonflikt, der die fast 16.000 BeschÀftigten des Landesunternehmens betrifft.
Die Forderungen: Mehr Freizeit, weniger Stress
Der neue Verdi-VerhandlungsfĂŒhrer Serat Canyurt, ein 35-jĂ€hriger Elektroniker, fordert eine echte Entlastung fĂŒr das Fahrpersonal. Die Gewerkschaft verlangt unter anderem:
Drei zusĂ€tzliche Urlaubstage fĂŒr alle Mitarbeiter, was den Jahresurlaub von 30 auf 33 Tage erhöhen wĂŒrde. Das Urlaubsgeld soll von 500 auf 1000 Euro verdoppelt werden. Die Mindestruhezeit zwischen den Diensten soll auf elf Stunden steigen. Besonders brisant: Die Wendezeiten an Endstationen sollen ausnahmslos auf sechs Minuten erhöht werden.
Obwohl die 35-Stunden-Woche offiziell nicht auf der Forderungsliste steht, macht Canyurt deutlich, dass dieses Thema keineswegs vom Tisch sei. SpĂ€testens Anfang 2027 mĂŒsse diese Forderung Wirklichkeit werden, so der GewerkschaftssekretĂ€r.
Die BVG zweifelt am Entlastungsnarrativ
Interessanterweise scheint sich bei der BVG ein Umdenken anzubahnen. Das Landesunternehmen hinterfrage zunehmend, ob weitere Entlastungen tatsĂ€chlich die gewĂŒnschten positiven Effekte bringen wĂŒrden. Die Zahlen sprechen eine deutliche Sprache: Trotz der Absenkung der Wochenarbeitszeit von 39 auf 37,5 Stunden im Jahr 2021 liegt der Krankenstand im Fahrdienst bei ĂŒber zwölf Prozent. Die Fluktuationsrate pendelt um die zehn Prozent.
âDie bisherigen Verbesserungen haben dazu beigetragen, dass die BVG als attraktiver Arbeitgeber gilt. Doch die Entlastungen reichen noch nicht aus."
So argumentiert Verdi. Die BVG hingegen verweist darauf, dass die BeschĂ€ftigtenzahl von 2021 bis zum vergangenen Jahr von rund 14.800 auf 15.860 gestiegen sei, wĂ€hrend die Fahrleistung stagnierte oder sogar sank. Die ProduktivitĂ€t sei gesunken â und damit auch der finanzielle Spielraum fĂŒr weitere ZugestĂ€ndnisse.
Doppelte Bedrohung: Auch die S-Bahn verhandelt
Als wĂ€re die Situation nicht bereits angespannt genug, laufen parallel Tarifverhandlungen bei der Deutschen Bahn. Die Gewerkschaft Deutscher LokomotivfĂŒhrer fordert acht Prozent mehr Gehalt bei einer Laufzeit von nur zwölf Monaten. Die Friedenspflicht endet am 28. Februar â danach könnten auch dort die RĂ€der stillstehen.
Das Horrorszenario gleichzeitiger Arbeitsniederlegungen bei S-Bahn und BVG ist bislang noch nicht eingetreten. Doch die Wahrscheinlichkeit steigt mit jedem gescheiterten Verhandlungstag. FĂŒr die Berliner Pendler könnte dieser Winter zum Albtraum werden.
Ein Symptom tieferliegender Probleme
Die drohenden Streiks sind letztlich nur ein Symptom der chronischen Unterfinanzierung des öffentlichen Nahverkehrs in Deutschland. Jahrzehntelang wurde die Infrastruktur vernachlĂ€ssigt, wĂ€hrend gleichzeitig immer höhere Anforderungen an PĂŒnktlichkeit und ZuverlĂ€ssigkeit gestellt wurden. Die Zeche zahlen am Ende die BĂŒrger â sei es durch ausgefallene Verbindungen, ĂŒberfĂŒllte ZĂŒge oder eben durch Streiks, die das tĂ€gliche Leben lahmlegen.
Die nĂ€chsten Verhandlungstermine sind fĂŒr den 29. Januar und den 18. Februar angesetzt. Bis dahin bleibt den Berlinern nur die Hoffnung, dass die Vernunft siegt â oder zumindest der Winter mild ausfĂ€llt.










