
350 Jahre Braukunst ausgelöscht: Wie Deutschland sein flüssiges Kulturgut zu Grabe trägt

Es gibt Meldungen, die klingen wie ein Nachruf auf ein ganzes Land. Die Privatbrauerei Eichbaum in Mannheim, gegründet im Jahr 1679, stellt den Betrieb ein. Nach fast dreieinhalb Jahrhunderten. Bis Ende September werden noch letzte Aufträge abgearbeitet, danach kommen Anlagen, Grundstücke und Vermögenswerte unter den Hammer. Rund 240 Menschen verlieren ihre Arbeit. Die Geschäftsführung erklärte, der Schritt schmerze, sei unter den gegenwärtigen Bedingungen aber unvermeidlich gewesen.
Unvermeidlich. Man sollte dieses Wort sacken lassen. Ein Unternehmen, das den Spanischen Erbfolgekrieg, zwei Weltkriege, Inflation, Währungsreform und Ölkrisen überstanden hat, zerbricht an der Wirtschaftspolitik der Gegenwart.
Eine Kette von Insolvenzen, die niemanden mehr überrascht
Eichbaum ist kein Einzelfall, sondern lediglich der prominenteste Sargnagel. Innerhalb weniger Monate meldeten das Hofbrauhaus Wolters in Braunschweig, die Schussenrieder Brauerei Ott, die Aktienbrauerei Kaufbeuren, die oberfränkische Brauerei Leikeim und die Colbitzer Heide-Brauerei bei Magdeburg Insolvenz an. Traditionsnamen, hinter denen Generationen von Familien, Lehrlingen und Wirtshäusern stehen.
Die Zahlen des Deutschen Brauer-Bundes sprechen eine unmissverständliche Sprache: Im vergangenen Jahr wurden nur noch 74 Millionen Hektoliter gebraut – ein Minus von einem Viertel binnen zwei Jahrzehnten. Erstmals rutschte der Absatz unter die Marke von 75 Millionen Hektolitern. Im letzten Vor-Corona-Jahr 2019 waren es noch 86,2 Millionen. Auch die Zahl der Braustätten schrumpft: von 1.552 im Jahr 2019 auf 1.459 zur Jahresmitte 2025. Bei den Großbrauereien mit über 500.000 Hektolitern Jahresausstoß sank die Zahl von 44 auf 38. Allein in Bayern, dem Herzstück deutscher Braukultur mit noch 588 Betrieben, haben seit 2018 rund 70 Brauereien dichtgemacht.
„Keine Brauerei schließt von heute auf morgen“, warnt Brauer-Bund-Präsident Christian Weber. Viele Betriebe hätten Jahre mit mageren Erträgen hinter sich – die Reserven seien schlicht aufgezehrt.
Wenn Energie zum Luxusgut wird
Brauen ist ein energiehungriges Handwerk. Sudhäuser, Kessel, Kühlanlagen, Abfüllung, Flaschenreinigung – all das verschlingt Gas und Strom in gewaltigen Mengen. Seit dem Bruch mit den günstigen Energielieferungen aus dem Osten haben sich die Belastungen vervielfacht. Parallel dazu verteuerten sich Malz, Hopfen, Glas, Kronkorken, Etiketten, Kartonagen, Transport und Personal. Wer glaubt, ein mittelständischer Familienbetrieb könne solche Kostensprünge einfach an den Kunden weiterreichen, hat noch nie mit einem Einkäufer einer großen Handelskette verhandelt.
Denn dort wird der Preis gemacht. Der Kasten Markenbier ist längst zur Lockware degradiert, zum Rabattschlager im Wochenprospekt. Wer nicht mitzieht, verliert Regalfläche. Wer mitzieht, verliert seine Marge. Regionalbrauereien besitzen weder die Skaleneffekte der Konzerne noch die Finanzkraft, jahrelange Verlustphasen durchzustehen.
Der grüne Umbau als finaler Stoß
Und dann kommt noch jene Milliardenlast obendrauf, die man in Berlin gerne als „Transformation“ verklärt: Bis 2045 soll die Produktion klimaneutral sein – ein Ziel, das die neue Bundesregierung sogar im Grundgesetz verankert hat. Für viele Betriebe bedeutet das den nahezu vollständigen Neubau des Maschinenparks. Weber bringt es auf den Punkt: Wer eine Brauerei von Gas auf Strom umstelle, müsse die Anlagen zu achtzig Prozent neu errichten. Manche der benötigten Technologien seien nicht einmal marktreif.
Man stelle sich das vor: Ein Betrieb, der kaum noch Gewinn erwirtschaftet, soll seine gesamte Produktion umbauen – auf Technik, die es teilweise noch gar nicht gibt. Das ist keine Industriepolitik. Das ist ein Abrissbefehl mit Ökosiegel.
Der Durst versiegt – und niemand fragt warum
1993 tranken die Deutschen noch rund 141 Liter Bier pro Kopf. Heute sind es etwa 90. Die Bevölkerung altert, die Geburtenzahlen sinken seit Jahrzehnten, junge Menschen greifen seltener zum Glas. Michael Weiß von der Meckatzer Brauerei im Allgäu benennt die Ursachen ohne diplomatische Umschweife: rückläufige Geburtenraten, weniger trinkende Jugendliche – und viele Menschen mit Migrationshintergrund, die gar keinen Alkohol konsumierten. Seine Prognose: Zahlreiche Brauereien würden in Schwierigkeiten geraten.
Es ist bezeichnend, dass solche schlichten Feststellungen in Deutschland fast schon Mut erfordern. Doch wer über den Zusammenbruch eines Marktes redet, muss über dessen Kundschaft reden dürfen. Eine Gesellschaft, die sich in ihrer Zusammensetzung binnen zwei Jahrzehnten grundlegend verändert, verändert auch ihre Konsumgewohnheiten. Das ist keine Wertung, das ist Arithmetik.
Auch die Wirtshäuser sterben mit
Die Gastronomie, traditionell der wichtigste Absatzkanal für Fassbier, hat sich von den Corona-Jahren nie erholt. Unzählige Gaststätten schlossen für immer, andere kürzten Öffnungszeiten und Personal. Jeder geschlossene Landgasthof bedeutet für die örtliche Brauerei nicht nur weniger Fässer, sondern den Verlust eines über Jahrzehnte gewachsenen Vertriebswegs – und für das Dorf den Verlust seines Wohnzimmers.
Alkoholfreies rettet die Branche nicht
Rund zehn Prozent des Absatzes entfallen inzwischen auf alkoholfreie Sorten, Deutschland gehört hier qualitativ zur Weltspitze. Doch das federt den Rückgang bestenfalls ab. Neue Verfahren, Marketing und Vertrieb verschlingen erneut Kapital, das schlicht nicht vorhanden ist.
Der Brauer-Bund fordert von der Bundesregierung niedrigere Energiekosten, weniger Bürokratie und steuerliche Investitionsanreize. Nachvollziehbar – aber Staatshilfen bremsen den Strukturwandel allenfalls, sie stoppen ihn nicht. Solange die Rahmenbedingungen bleiben, wie sie sind, wird jede Subvention nur die Sterbedauer verlängern.
Was wirklich verloren geht
Mit jeder Brauerei verschwindet weit mehr als ein Produktionsstandort. Es gehen Ausbildungsplätze verloren, Wirtshauskultur, Vereinsförderung, Sponsoring für den Fußballplatz und die Blaskapelle – und ein Stück regionaler Identität, das sich nicht wiederherstellen lässt. Deutschland bleibt vorerst das Land mit der weltweit größten Biervielfalt. Doch das Fundament dieser Vielfalt bröckelt in atemberaubendem Tempo.
Bemerkenswert ist ein Detail am Rande: Während die globale Bierproduktion 2025 lediglich um 0,7 Prozent nachgab, brach sie in Deutschland um 5,6 Prozent ein – achtmal so stark. Das ist kein weltweiter Trend. Das ist hausgemacht.
Wenn Substanz schwindet, zählt Substanz
Was das mit Vermögenssicherung zu tun hat? Sehr viel. Wer beobachtet, wie in einem Industrieland binnen weniger Jahre jahrhundertealte Wertschöpfung durch politische Fehlsteuerung pulverisiert wird, sollte sich fragen, wie krisenfest das eigene Vermögen aufgestellt ist. Unternehmensbeteiligungen und Papierwerte hängen am Tropf ebenjener politischen Rahmenbedingungen, die hier gerade eine ganze Branche erledigen. Physische Edelmetalle wie Gold und Silber dagegen kennen weder Insolvenzverwalter noch Klimaneutralitätsziele – sie sind seit Jahrtausenden das, was sie sind: reale, unzerstörbare Substanz außerhalb des staatlichen Zugriffs und eine sinnvolle Beimischung in jedem breit gestreuten Portfolio.
Das Brauereisterben, so viel steht fest, hat gerade erst begonnen. Und es ist kein Naturereignis. Es ist die Quittung für eine Politik, die Ideologie über Wirtschaftlichkeit stellt – und dabei nicht nur Arbeitsplätze vernichtet, sondern ein Stück deutscher Kultur gleich mit.
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