Kettner Edelmetalle
28.07.2026
06:39 Uhr

24 Stunden zu spÀt: Wie der deutsche Sicherheitsapparat einen Terroranschlag verschlief

Es gibt Meldungen, bei denen man zweimal hinsehen muß, weil man das Gelesene schlicht nicht glauben will. Diese hier gehört dazu. Der AttentĂ€ter, der am Rande des Berliner Christopher Street Day eine Frau tötete und 29 Menschen zum Teil lebensgefĂ€hrlich verletzte, stand unter VideoĂŒberwachung des Landeskriminalamts. Eine versteckte Kamera zeichnete auf, wie er am Sonnabend um 20:58 Uhr sein Haus in Schöneberg verließ. Eine Stunde spĂ€ter war das Blutbad RealitĂ€t. Und die Aufnahmen? Die wurden am Tag danach ausgewertet. Routine, hieß es aus Sicherheitskreisen. Man habe die Bilder eines eingestuften GefĂ€hrders eben ĂŒblicherweise mit 24 Stunden Verzögerung angeschaut.

Ein Staat, der zusieht – aber erst am nĂ€chsten Tag

Man muß sich diese Groteske auf der Zunge zergehen lassen. Ein Mann wird von einem Analysewerkzeug des Bundeskriminalamts Wochen zuvor als „Hochrisikoperson“ eingestuft. Sein Telefon wird abgehört. Er wird observiert. Vor seiner HaustĂŒr installieren Beamte heimlich eine Kamera. Im Gemeinsamen Terrorismusabwehrzentrum, jenem Gremium, in dem Bund und LĂ€nder ihre Erkenntnisse bĂŒndeln sollen, wird sein Fall mehrfach besprochen. Der volle Apparat lĂ€uft – und trotzdem marschiert dieser Mann mit Messern und Machete zum Brandenburger Tor, ohne daß jemand auch nur den Bildschirm anschaut.

Der Staat hatte den TÀter buchstÀblich im Bild. Er hat nur vergessen, hinzusehen.

NatĂŒrlich wird nun eilfertig relativiert: Auf den Aufnahmen sei nichts zu erkennen gewesen, was auf die unmittelbar bevorstehende Tat hingedeutet hĂ€tte, heißt es unter Berufung auf Insider. Mag sein. Doch diese Entlastung ist billig, weil sie die eigentliche Frage umgeht: Wozu ĂŒberwacht man einen als hochgefĂ€hrlich eingestuften Islamisten ĂŒberhaupt, wenn man die Ergebnisse dieser Überwachung behandelt wie einen Aktenvorgang im Bauamt – Bearbeitung nach Eingang, bitte Wartezeit beachten?

Der eigentliche Skandal liegt frĂŒher

Doch selbst dieses Behördenversagen ist nur das zweite Glied einer Kette. Das erste liegt in einem Gerichtssaal. Denn die gesamte Überwachungsmaschinerie wurde ĂŒberhaupt erst deshalb in Gang gesetzt, weil der Mann trotz der Vorbereitung einer staatsgefĂ€hrdenden Gewalttat lediglich eine BewĂ€hrungsstrafe kassiert hatte und wieder auf freiem Fuß war. Ein Mensch, der nachweislich einen Anschlag vorbereitet, wird nicht weggesperrt, sondern gefilmt. Und die Filme werden dann verspĂ€tet geschaut. Das ist keine Sicherheitsarchitektur, das ist eine Karikatur davon.

Bekannt, auffÀllig, geduldet

Wie so oft in den vergangenen Jahren gilt auch hier: Der TĂ€ter war kein Unbekannter, der aus dem Nichts auftauchte. Er war bereits als Jugendlicher polizeibekannt. Die Behörden wußten, wen sie vor sich hatten. Sie hatten nur keine Mittel – oder keinen politischen Willen – daraus Konsequenzen zu ziehen. Wer sich an Breitscheidplatz, an WĂŒrzburg, an Mannheim, an Solingen, an Aschaffenburg erinnert, kennt dieses Muster bis zum Erbrechen. Immer dieselbe Choreographie: bekannter GefĂ€hrder, Behördenkenntnis, Betroffenheitsrhetorik, Mahnwache, Vergessen.

Wenn Kanzlerworte die Wunde nicht schließen

Und die politische FĂŒhrung? Bundeskanzler Friedrich Merz warnte nach dem islamistischen Anschlag vor „schlechten Witzen“. Das ist bemerkenswert. Man hĂ€tte sich gewĂŒnscht, die Regierung hĂ€tte mit derselben Entschlossenheit vor gefĂ€hrlichen Islamisten gewarnt, die trotz einschlĂ€giger Verurteilung frei herumlaufen dĂŒrfen. Doch die PrioritĂ€ten in Berlin sind seit Jahren dieselben, gleichgĂŒltig ob Ampel oder Große Koalition: Man beschĂ€ftigt sich lieber mit dem richtigen Ton als mit den falschen ZustĂ€nden.

Der Kern des Problems ist nicht eine schlecht bediente Kamera. Der Kern ist ein Staat, der seine BĂŒrger nicht mehr schĂŒtzt, weil er sich vor der eigenen HĂ€rte fĂŒrchtet. Ein Rechtsstaat, der Anschlagsvorbereiter mit BewĂ€hrung nach Hause schickt, hat sein Gewaltmonopol faktisch aufgegeben. Ein Sicherheitsapparat, der Hochrisikopersonen im 24-Stunden-Takt auswertet, verwaltet die Gefahr nur noch, statt sie zu bekĂ€mpfen. Und eine Innenpolitik, die konsequente Abschiebung, Sicherungsverwahrung und Grenzkontrollen seit Jahrzehnten als unmenschlich diffamiert, produziert genau jene Bilder, die wir am Brandenburger Tor gesehen haben.

Die Rechnung zahlen die BĂŒrger

Diese EinschĂ€tzung ist lĂ€ngst keine exotische Randmeinung mehr, sondern die Auffassung eines großen Teils der deutschen Bevölkerung. Die Menschen spĂŒren, daß etwas grundlegend aus dem Lot geraten ist. Sie sehen die KriminalitĂ€tsstatistiken, sie erleben Bahnhöfe und InnenstĂ€dte, sie zĂ€hlen die Messerangriffe. Und sie hören dann Politiker, die vor allem eines fĂŒrchten: den falschen Zungenschlag in der Debatte.

Was Deutschland brĂ€uchte, wĂ€ren Verantwortliche, die fĂŒr dieses Land regieren statt gegen es. Die Sicherheit nicht als Verwaltungsakt begreifen, sondern als erste Pflicht des Staates. Bis dahin bleibt die bittere Erkenntnis dieser Tage: Man kann einen Mörder filmen, observieren, abhören und in Fachgremien besprechen – und ihn trotzdem einfach losgehen lassen. Eine Frau ist tot. 29 Menschen sind verletzt. Und die Kamera lief.

Hinweis: Die in diesem Beitrag geĂ€ußerten EinschĂ€tzungen geben die Meinung unserer Redaktion wieder und stellen weder eine Rechtsberatung noch eine Anlageberatung dar. FĂŒr eigene Entscheidungen empfehlen wir stets eine unabhĂ€ngige PrĂŒfung der Sachlage.

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